Vergleich: Der Prozess, Der Besuch der alten Dame, Michael Kohlhaas

Annika hat mir einen Vergleich der 3 Pflichtlektüren, Der Prozess, Der Besuch der alten Dame und Michael Kohlhaas für das Abitur in Baden-Württemberg zugesendet, hier ist die Tabelle:

Vergleich: Der Prozess, Der Besuch der alten Dame, Michael Kohlhaas Tabelle

Proceß

Besuch der alten Dame

Kohlhaas

Mensch
und Gesellschaft

Moderne, undurchschau- bare Welt

„Ellenbogengesell- schaft“

Äußerlichkeiten und soziale Stellung als Kriterien

Finanzkraft als bestimmende Kraft der Gesellschaft

Materielle Interessen des Einzelnen bestimmen das Gemeinwohl und seine Werte

Absolutismus

Spielball des korrupten Adels

Bürgertum contra Adel

Recht Rechtsinstanzen

Gewissen/ Unrechtsbewusstsein (Schuld/Schuldein- sicht)

Willkürlich erscheinender, nicht nachvollziehbarer Prozessverlauf

Undurchschaubare Instanzen

Urteil Tod

Am Ende Akzeptanz einer Schuld

Rechtsstaatliches Gerichtsverfahren, aber von Ill herbeigeführtes Fehlurteil

„Gerechtigkeit“ ist käuflich

Selbstjustiz

„Urteil“ Tod

Zunehmende Einsicht Akzeptanz der Schuld

Kohlhaas am Anfang als Muster des rechtschaffenen Bürgers

Willkürliches und korruptes Rechtssystem

Selbstjustiz

Eingriff des Kaisers am Ende als oberste Instanz
Recht wird durch kaiserliches Urteil und Nobilitierung von K.s Söhnen wieder hergestellt

Urteil Tod

Am Ende Akzeptanz der Schuld und des Urteils

Kirche

Gefängniskaplan „Augen öffnen“
(als versteckte Hilfe- stellung)

Versagen der Kirche („Kümmern Sie sich um die Unsterblich- keit Ihrer Seele“)

Luther
– systemkonforme Anklage, Vertreter des politischen Systems
– Hilfe

Religiöse Elemente

 

Rätselhaft (Parabel)

Erbsünde

Profitieren vom erwarteten Reichtum (Kauf der neuen Glocke)

Flucht aus der Verantwortung (Aufruf zur Flucht)

Güllen und Claires Reichtum:
Tanz um das goldene Kalb

(2. Mose 32,1–4)

Rache und Vergeltung AT <-> Liebe und Vergebung NT

Kohlhaas als Erzengel Michael

Beichte, [Absolution] und Abendmahl („Wohltat der heiligen Kommunion“)

Persönlichkeitsprofil

K. karrierebewusst Wert auf soz. Stellung egozentrisch Triebhaftigkeit gefühlskalt -> Frau als Objekt

Moderner Mensch Gefühlssteuerung wird durch Triebsteuerung ersetzt

Hybris

Ills Streben nach sozialem Aufstieg (Verrat an Claire um die Krämertochter Mathilde Blumhard heiraten zu können); auf dem Sprung ins Bürgermeisteramt

Michael Kohlhaas: Gerechtigkeitssinn gefühlsgesteuert Starrsinn aufgeklärter, selbstbewusster Bürger

Selbstsicht als „Stellvertreter des Erzengels“

Hybris

Frauen

Frauen als Lustobjekt (Frl. Bürstner, Frau des Gerichtsdieners) gleichzeitig

Männer als Objekt: Leni <-> K. und andere Angeklagte

Elsa

Untergeordnet in einer reinen Männerwelt

Frau Ill: unterliegt immer mehr der Verführung des Geldes und dem Druck des Kollektivs

Claire: starke Liebe, die in Hass und Rache umschlägt. Berechnend und zielstrebig, Menschen als Marionetten Vergleich mit antiker Schicksalsgöttin

Fräulein Luise

Lisbeth als gute Mutter und Ehefrau, rational denkend, gleichzeitig eigenes Denken dem Mann unterordnend,
aktiv
(Überbringung der Bittschrift) Opferrolle

Von Kohlhaas nach ihrem Tod idealisiert (Beerdigung) und instrumentalisiert (Gespräch mit Luther)

Mysteriös (Zigeunerin) Rolle der Heloise

Lebensplanung – Schicksal – Zufall

Karriere – Aufstieg -> Direktor- Stellvertreter

Prozess

Eindringen in das Gerichtssystem

Ill: sozialer Aufstieg, vor dem Sprung ins Bürgermeisteramt

Einholen der Vergangenheit

Claire: Hingabe an Ill – Ills Verrat – Abstieg ins Bordell – Aufstieg durch den Multimilliardär Zachanassian – langfristige Planung ihrer Rache

respektabler Pferdehändler – Familienvater

Tod der Frau Amulett

Grenze und Grenzerfahrung

Private Grenze:
30. Geburtstag Schlaf – Alltag Freiheit – Verhaftung

Angreifbarkeit

Verwischung örtlicher Grenzen
(Bank – Gericht)

Vom einfachen Bürger zum Repräsentanten und zur obersten Instanz einer Kleinstadt

Von einer zumindest nach außen geachteten Persönlichkeit zu einem „Halunken“

Reale Grenze: Schlagbaum bei der Tronkenburg

Rechtschaffenheit – Rebellion

Familie – Ehre

Schuld

Josef K.

von fehlender Schuld überzeugt übersteigertes Selbstwertgefühl vorschnelles Urteilen, dadurch Fehleinschätzung unbekannter Situationen

Frauen als Objekt

Gericht setzt Schuld voraus; Unschuld nur in Legenden

Erbsünde

Türhüterparabel

Ill sieht Schuld anfänglich als rechtliches Konstrukt und beharrt auf Verjährung und seinem jugendlichen Alter zur Zeit der Tat („böser Jugendstreich“)

Güllener: Mitschuld durch Freude am Elend einer Person (Claire beim Verlassen Güllens) Verrat eines Menschen des Geldes wegen

Claire: Schuld durch Beharren auf ihrem Verständnis von Gerechtigkeit -> Selbstjustiz

Michael Kohlhaas

„Amtsanmaßung“ (Stellvertreter des Erzengels)
Hybris

Selbstjustiz
Taten seiner
Bande

Adel im absolutistischen System mit Korruption Rechtsbeugung

Selbstbestimmung / Fremdbestimmung

Innerhalb seiner Berufswelt handelt K. selbstbestimmt, in einer ihm fremden Welt stößt er immer wieder an die Grenzen dieser Selbstbestimmung und wird durch psychische und physische Schwächen zunehmend fremdbestimmt

(vgl. auch Kaufmann Block)

Ill will sein Leben selber bestimmen -> begangenes Unrecht,
gerät dadurch in zunehmende Fremdbestimmung (Güllener / Claire) Dann nimmt er sein Leben wieder selber in die Hand.

Als freier Bürger glaubt Michael Kohlhaas sich im Schutz des Systems entfalten zu können, scheitert jedoch am System.

Täter / Opfer

K. zunächst als Opfer der Justiz,
dann als „Opfer“ seines eigenen Persönlichkeitsprofils, das ihn zum „Täter“ macht (-> Frauen, Bankangestellte etc.). Täter nicht im juristischen, sondern im moralischen Sinn eines ihm unzugänglichen Wertesystems.

Wärter als Bild des Rollenwechsels.

Ill als objektiver Täter in der Vaterschaftssache und subjektiv in seiner Rolle als Geldbeschaffer („die habe ich im Sack“), dann als Opfer von Claires Selbstjustiz.

Güllener als Opfer der wirtschaftlichen Umstände, die aber gleichzeitig auf sie als Täter zurück- fallen und sie letztendlich zu Tätern werden lassen.

Claire als Opfer von Ills Verrat und der schadenfrohen Ablehnung der Güllener, die sie mit ihrer Selbstjustiz zur Täterin macht. Gefangen in ihrem Rachetrieb

Michael Kohlhaas zunächst als Opfer eines korrupten Systems mit seinen eigenen machter- haltenden Interessen und seinen Systemträgern mit ihren eigenen Interessen,

dann als „revolutionärer“ Täter und daraufhin wieder als Opfer. Am Ende ein Täter/Opfer- Ausgleich.

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3 comments… add one
  • Richtig gut, danke! 🙂
    Ein weiterer Vergleichsaspekt wären zum Beispiel die Helferfiguren der Protagonisten.

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  • Danke für diese Zusammenfassung, ist insgesamt sehr gut.

    Allerdings sieht Kohlhaas seine Schuld nicht ein, er beharrt bis zum Ende darauf, dass sein Handeln richtig war. Er akzeptiert das zwar das Todesurteil als gerechte Strafe, seine Schuld sieht er aber nicht ein.

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    • jemand der ein gerichtsurteil akzeptiert, akzeptiert dieses gleichzeitig als gerchte strafe für sein vergehen. deshalb ja, am ende sieht er seine schuld ein

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