Stufen – Hermann Hesse – Gedichtanalyse Gedichtinterpretation

 

Hermann Hesse setzt sich in seinem 1941 verfassten Gedicht „Stufen“ intensiv mit den Themen: Tod und Altern auseinander, dabei wird dem Leser auch seine grundoptimistische Weltanschauung nahe gebracht.
Das Gedicht ist, – wie die meisten Werke Hesses – schwer eindeutig in eine Literaturepoche einzuordnen, Hesse greift zwar Elemente des Naturalismus auf, lässt aber auch seine „Metaphysischen“ Ansichten einfließen und tritt damit in Opposition zum diesem.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen, im fünf hebigen jambischen Rhythmus. Die erste Strophe enthält zehn Verse, die zweite acht und die dritte vier Verse.
Die erste Strophe lässt keine überlegte Gliederung erkennen, jedoch bilden die Verse 1-4 (abac), 5-8 (bdce), 9-10 (de) syntaktische Einheiten. Auf umarmende Verse folgen in der zweiten Strophe (Verse 11-14: abba) Kreuzreime (Verse 15-18: cdcd) und entspricht somit der syntaktischen Gliederung. Die dritte Strophe folgt der syntaktischen Struktur, sie besteht aus umarmenden Reimen (Verse 19-22: abba).

Bereits in der ersten Strophe fallen Antithesen auf, die an eine wechselseitige Beziehung von Leben und Tod erinnern: welkt – blüht, Jugend – Alter (Vers 1, Vers 2); Abschied – Anfang (Vers 6, Vers 9). Diese Antithesen und die Metapher der welkenden Blüte: „Wie jede Blüte welkt und jede Jugend / Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, / Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend“ (Z. 1 – 3), sind Zeugnis von einer buddhistischen Prägung in Hesses Denken, er sieht somit im Tod nicht ein verschlingendes ewiges Nichts, sondern die Chance eines Neuanfangs.

Das Gedicht ist in einem fließenden Rhythmus verfasst, welcher dank den weiblichen Kadenzen eine beruhigende Wirkung erzielt.
Auffällig ist das Ende der ersten Strophe, es ist ein allgemein bekanntes Zitat Hermann Hesses: „Und
jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ (Z. 9 – 10). Der Begriff „Zauber“, aus der Romantik entnommen, wird von Hesse auch oft als „Gott“ oder „Tao“ bezeichnet, er versteht darunter das ewige Gute, durch das diese Welt geschaffen wurde und das dem Leben Sinn gibt, somit ist dieses Zitat der Ausdruck eines tiefen Optimismus.

In der zweiten Strophe spricht Hesse symbolisch von Aufbruch und Reise, er will dem Leser somit zur Änderungsbereitschaft inspirieren, ähnliche wie es in den klassischen Chinesischen Religionen (Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus) gefordert wird.
Die Metapher, der Räume die der Mensch durchschreiten soll (
„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / An keinem wie an einer Heimat hängen“ Z. 11 – 12), steht symbolisch für die

Lebensstufen eines Menschenlebens und impliziert eine Bejahung des Alterns.
Aus den Zeilen 13 und 14 geht hervor, dass Hesse die Weisheit und Erfahrung, die sich im Alter einstellt, sehr hoch wertet: „Der
Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.“ (Z. 13 – 14), außerdem negativiert Hesse anschließend das gutbürgerliche Leben, da dieses schnell zu Erschlaffen droht und reizlos wird: Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise / Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, / Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, / Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ (Z. 15 – 18).
In der dritten Strophe setzt sich Hesse mit dem Tod auseinander, er vermutet, dass das Sterben uns neue „Räume“ erschließt, denen man optimistisch entgegen schauen sollte: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde / Uns neuen Räumen jung entgegen senden, ( Z. 19 – 20).
Das Hesse auch von den philosophischen Ansichten Arthur Schopenhauers inspiriert wurde lässt das Zitat: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …“ (Z. 21) vermuten, dieser „Lebensruf“ kann auch als Schopenhauersche „Wille“ verstanden werden, denn nach der pessimistischen Weltanschauung Schopenhauers existiert im Menschen ein „Wille“, der uns zum Handeln und zur Wiedergeburt zwingt, doch Hesse wertet diesen Willen nicht negativ, womit er sich den philosophischen Ansichten Friedrich Nietzsches annähert.

Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ zeugt von einer enormen Weisheit und Lebenserfahrung des Dichters, die sich in einen mitreißenden Optimismus gipfelt.
Es gibt auch zudem eine guten Einblick in Hesses Weltanschauung und seinen Grundpfeilern wie etwa die chinesischen Religionen oder die europäischen Philosophen.

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