Reklame – Ingeborg Bachmann – Interpretation

Das Gedicht „Reklame“, welches 1956 von Ingeborg Bachmann verfasst wurde und 1982 in „Ingeborg Bachmann. Werke. Erster Band. 2. Auflage“ auf Seite 114 erschienen ist, handelt von einer Art ’Dialog‘, welcher das Leben der Deutschen während der Nachkriegszeit schildert.

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In diesem Gedicht stellt sich das lyrische Ich immer wieder Fragen, die sein zukünftiges Leben und das seiner Mitmenschen betreffen. Es macht sich Sorgen, wohin sie gehen sollen, was sie tun sollen und was sie denken sollen. Es ist sich unsicher, ob die Fragen beantwortet werden können und was mit der Vergangenheit geschieht. Zwischen die Fragen des lyrischen Ichs werden Antworten eingeworfen. Sie sagen dem lyrischen Ich, dass es unbesorgt und heiter sein soll.

Wie bereits erwähnt, ist in diesem Gedicht ein lyrisches Ich zu erkennen. Dieses tritt dadurch hervor, dass es immer wieder Fragen stellt, auf die es dann von einer anderen Stimme Antworten bekommt. Das lyrische Ich verkörpert einen Menschen, der in der Nachkriegszeit lebt. Es befindet sich in einer für sich fremden Situation. Es ist ratlos und weiß nicht, wie es in Zukunft weitergeht. Das wird durch die vielen Fragen deutlich, die es stellt. (vgl. V.1; V.7) Ihm ist unklar, was in Zukunft passieren wird und wie es die „Schauer aller Jahre“(vgl. V.15) vergessen soll. Auf die Fragen des lyrischen Ichs antwortet eine Stimme, wobei unbekannt ist, woher diese stammt. Die Stimme sagt, dass sich das lyrische Ich nicht sorgen soll (vgl. V.2) und dass es alles „heiter und mit Musik“(vgl. V.8) tun soll. Hieraus ergibt sich, dass in diesem Gedicht, beziehungsweise dem Dialog, zwei Positionen vertreten sind. Zum einen das verunsicherte lyrische Ich und zum anderen die sorglose, unbekannte Stimme. Auf die letzte Frage allerdings, was geschieht, wenn es totenstill ist, gibt es keine Antwort. Die im vorigen Vers genannte Totenstille ist also, von Seiten der unbekannten Stimme eingetreten. In Bezug auf den Titel lässt sich die These aufstellen, dass es sich bei der unbekannten Stimme um eine Art von Reklame handelt. Die Reklame beschwichtigt das lyrische Ich und versucht so, ihm die Angst zu nehmen. Die Einwürfe haben das Ziel das Ich aufzuheitern und ihm das zu geben, was es im Moment braucht, Zuversicht. Genau das ist die Aufgabe von Werbung. Werbung soll dem Menschen vermitteln, dass sie ein bestimmtes Produkt brauchen und ihn so zum Kauf anregen. Auf die letzte Frage des Lyrischen Ichs weiß aber auch die Reklame keine Antwort.

Das Gedicht besteht aus 20 Versen. Nach dem 19. Vers ist allerdings eine Lücke zu erkennen. Dort fehlt die Antwort. Man könnte also auch sagen, dass das Gedicht eigentlich aus 21 Versen besteht. Zwar ist das Gedicht nicht in einzelne Strophen unterteilt, aber trotzdem lässt es sich in zwei Teile aufteilen, die sich immer wieder abwechseln. Dies wird auch durch den Wechsel des Schriftbildes zwischen gerade und kursiv unterstützt. (vgl. V. 1f.) Trotz des unregelmäßigen Aufbaus fallen diese kursiv gedruckten Verse besonders ins Auge. Dieser Aufbau hat das Ziel, die Fragen und Antworten deutlich voneinander zu trennen.

Ein regelmäßiger Rhythmus ist in diesem Gedicht nicht zu erkennen. Des Weiteren sind in diesem Gedicht keine Reime zu finden. Auffällig ist aber, dass es zunächst von Vers eins bis vier einen Wechsel zwischen klingenden und stumpfen Kadenzen am Versende gibt. Erst ab Vers fünf nehmen die klingenden Kadenzen auch im Redeanteil des Lyrischen Ichs zu, bis sie ab Vers 15 vollkommen verschwunden sind. Das zeigt den anfänglichen Unterschied der beiden Redeanteile. Ab Vers 15 hat die Reklame das lyrische Ich dann aber eingenommen und so beeinflusst, dass das lyrische Ich den Klang der Reklame angenommen hat.

Ein häufig verwendetes, sprachliches Mittel ist die Repetitio. Im Laufe des Gedichtes werden die Satzteile „ohne sorge“ (vgl. V.2; V.4), „musik“ (vgl. V.6; V.12) und „heiter“ (vgl. V.8; V.10) wiederholt. Das ist ein typisches Merkmal von Reklame. In der Werbung werden die Hauptaussagen immer wiederholt, um die Verbraucher zu überzeugen und so einzunehmen.

Auch die vielen Ellipsen (vgl. V.6; V.10) sind ein Hinweis auf Reklame. In der Werbung kommt es darauf an, die zu vermittelnde Botschaft auf das Wesentliche zu beschränken, um dem Abnehmer die wichtigsten Informationen so schnell und einprägsam wie möglich zu vermitteln. Des Weiteren fällt auf, dass in den Frageteilen eher negativ konnotierte Adjektive und Subjektive verwendet werden. So zum Beispiel in Vers drei „dunkel“ und „kalt“ oder im weiteren Verlauf „Endes“ (vgl. V.11), „Schauer“ (vgl. V.15) oder „Totenstille“ (vgl. V. 19). In den Antworten hingegen werden Begriffe wie „musik“ (vgl. V.6), „heiter“ (vgl. V. 8) oder Wortgruppen wie „ohne sorge“ (vgl. V.2) verwendet. Das lässt den Unterschied zwischen dem lyrischen Ich und der Reklame erkennen. Die negativen Erinnerungen des Lyrischen Ichs stehen im Gegensatz zum schönen Schein der Werbung. Zusätzlich zu den bereits genannten Stilmitteln wird in dem Gedicht kein Augenmerk auf die Groß- und Kleinschreibung gelegt. Zwar werden einige Nomen groß geschrieben aber „sorge“ oder „musik“ werden klein geschrieben. Auch die Satzstruktur ist nicht eindeutig. Erst am Ende des Gedichtes wird der Satz durch einen Punkt beendet. Die Frageteile können allerdings zu einzelnen kurzen Sätzen verknüpft werden. Die Antworten hingegen lassen sich nicht miteinander kombinieren. Dieser Aufbruch gewohnter Strukturen steht für den Aufbruch der alten Ordnung. Durch den Krieg mussten die Menschen lernen, sich neu zu orientieren und an die neuen Verhältnisse anzupassen. Der Satzbau und die Groß- und Kleinschreibung zeigt die teilweise herrschende, bestehende Orientierungslosigkeit und Verwirrung der Menschen, auch Jahre noch mehrere Jahre nach dem Krieg. Einige der Fragesätze weisen einen Parallelismus auf. So ist zum Beispiel der Aufbau von Vers eins zu Vers 13 parallel. Hieraus ergibt sich, dass sich die Gedanken des lyrischen Ichs alle miteinander verknüpfen lassen. Zwar stellt das lyrische Ich mehrere Fragen aber im Grunde kreisen sie alle um das gleiche Thema, die Zukunft aber auch die Vergangenheit. Abschließend findet sich ein Stilmittel in Vers 16. Bei dem Wort „Traumwäscherei“ handelt es sich um einen Neologismus. Diese Wortschöpfung erinnert entfernt an den Begriff „ Gehirnwäsche“. In Anbetracht des Titels kann dieses Wort hier für die Gehirnwäsche durch Reklame stehen. Die Reklame vermittelt den Menschen einen Traum und verpasst ihnen durch Zureden eine Gehirnwäsche, bis die Menschen sich diesen einen Traum erfüllen wollen. Die Menschen werden einer „Traumwäscherei“ unterzogen.

Aus den vorangegangenen Analyse- und Interpretationsergebnisse lässt sich folgern, dass in diesem Gedicht die Situation der Menschen in der Nachkriegszeit beschrieben wird. Typisch für die Nachkriegszeit war der Wandel Deutschland vom Trümmerland zum Wirtschaftswunder. Zudem fand eine sogenannte Amerikanisierung statt. Vielen Menschen, besonders der älteren Generation, fiel es schwer, die belastenden Erinnerungen hinter sich zu lassen und selbstbewusst und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Der große Erfolg der Amerikanisierung wurde durch diese Verunsicherung aber erst ermöglicht. Der „Amerikanische Traum“ galt für viele als erstrebenswert. Besonders die Jugendlichen sahen die neuen Einflüsse als Chance aus dem bisherigen Leben auszubrechen. Diese Umstände spiegeln sich auch im Gedicht wieder. Die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen wird nach anfänglicher Skepsis durch die Reklame beeinflusst. Neben dem Aspekt des Einflusses der Werbung auf die Bevölkerung spiegelt sich in dem Gedicht auch eine Art Generationskonflikt wieder. Das lyrische Ich steht dann für die ältere Generation, die sich nur schwer von der Vergangenheit lösen kann und die jüngere Generation versucht die ältere durch ihre Antworten zu überzeugen. Sie wurde durch die Werbung bereits eingenommen.

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2 comments… add one
  • Geiler typ danke für meine hausaufgabenhilfe häähähä

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  • Danke mann hat mich in letzter Sekunde gerettet…
    Drecks Hausaufgaben

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