Interpretation Im Spiegel von Margret Steenfatt

Interpretation der Kurzgeschichte ‚Im Spiegel’ von Margret Steenfatt

 

Die Kurzgeschichte ‚Im Spiegel’ von Margret Steenfatt zeigt den emotionalen Ausbruch eines Jugendlichen, verursacht durch ein Elternhaus voller Vorurteile. Berichtet wird von einem Jungen namens Achim, der nach einer Auseinandersetzung mit seinen Eltern vor seinem Spiegel sitzt und sein blasses, ausdrucksloses Spiegelbild betrachtet. Er malt es mit Farbe nach und schließlich zerschlägt er, nachdem er begriffen hat, dass das Bild seine jahrelang aufgezwungene ‚Maske’ darstellt, den Spiegel.

Der Text wirkt auf mich zunächst Mitleid erregend, weil er Achim als einen unverstandenen, einsamen Jungen vorstellt, der anscheinend, aufgegeben von seinen Eltern, keinen Sinn mehr in seinem bisherigen Leben sieht (Z.10-15) und sich in einer Trotzreaktion (Schlag in den Spiegel) von dem Elternhaus ‚lossagt’.

Margret Steenfatt verfasste die Kurzgeschichte im Jahre 1984 – also vor 20 Jahren. Sprachlich zeigt sich kaum ein Unterschied, inhaltlich wird der vergangene Zeitraum durch die Nennung der ‚Dead Kennedys’ (Z.23) deutlich. Dabei handelt es sich nämlich um eine Punkband der 80er Jahre, die heute den meisten Menschen eher unbekannt ist.

Steenfatt lässt in ihrer Kurzgeschichte einen personalen Er-Erzähler zu Wort kommen (vgl. Z.4-6, Z.11-15, Z.21-23, Z.28-33, Z.36, Z.54, Z.72f.), der allerdings über lange Passagen die Gedankenwelt Achims nicht wieder gibt. Somit sind Achims Handlungen für den Leser viel effektvoller, als wenn der Autor versucht hätte, z.B. das Zerschlagen des Spiegels durch einen Monolog oder erlebte Rede auszuschmücken. Der Erzähler gibt zwar durchaus die Innensicht Achims wieder (z.B. Z.10-15), bewahrt aber trotzdem eine gewisse Distanz zur

Hauptperson (Achim), indem er kommentarlos seine Handlungen und Gedanken

schildert (Z.63-70).

Die Hauptfigur der Kurzgeschichte ist Achim, ein Jugendlicher, der sich vom Leben (Z.15) und der immerwährenden Routine (Z.29) enttäuscht in sein Zimmer verkriecht (Z.6) und motivationslos sein Leben vorbeifließen lässt: „Fünf nach eins. Wieder mal zu spät.“ (Z.10f.).

Zusätzlich werden Achims Eltern benannt, die mit ihrem Sohn im Streit liegen, weil sie Achims Zukunft hoffnungslos entgegen sehen und ihn wiederholt als ein „Nichts“ (Z.1-4) bezeichnen. Am Ende des Textes nennt der Erzähler noch kurz den Freundeskreis als Zuflucht Achims: „Er wollte runtergehen und seine Freunde treffen.“ (Z.72f.)

Die Kurzgeschichte gibt eine linear verlaufende Handlung wieder. Es gibt weder Parallelhandlungen noch Vorausdeutungen oder Rückblicke. So empfindet der Leser jede neue Reaktion Achims als ungeahnt und überraschend und ‚lebt’ sozusagen mit ihm.

Zeitdeckend beschreibt der Erzähler, wie Achim nachmittags um 13.05 Uhr endlich – aber dennoch antriebslos – aus dem Bett steigt (Z.10-12). Nach einem ersten prüfenden Blick in den Spiegel, bei dem er sich zwar als blass, aber dennoch als relativ normal

wahrnimmt (Z.22), wendet er sich zunächst wieder ab (Z.27), ist jedoch nun bereit, sich nicht von seinen Eltern und der Umwelt abschreiben („verplant“ (Z.24)) zu lassen, sondern über sein eigenes ‚Ich’ nachzudenken (Z.25). Vor allem der zweite Blick in den Spiegel lässt Achim realisieren, was er selbst ‚widerspiegelt’: Er ist „weiß“ (Z.12), glatt und kalt (Z.36), grau, glanzlos, blass (Z.22) und „farblos“ (Z.60). Er scheint absolute Leere und Trostlosigkeit zu empfinden. Plötzlich entwickelt Achim die Besessenheit (Z.40, Z.35), dieses Bild der Leere darzustellen und spürt erst dann eine Art der Befriedigung, als er seinen Finger in die „weiche, ölige Masse“ (Z.48) tauchen kann, um sein Gesicht nachzumalen. Achim verwendet nur die Farben weiß, schwarz und blau (Z.53f.) – kalte Farben, mit denen er seiner „Malerei“ (Z.53) vielleicht mehr Kontrast und Ausdrucksstärke, jedoch keine liebenswerten Züge verleihen will. Nach Vollendung des Werkes erkennt Achim, dass seine „Spiegelmaske“ (Z.62) nicht sein ‚wahres Ich’, das er haben möchte, widerspiegelt, sondern die aufgezwungene Maske seiner Eltern. Dahinter verbirgt sich aber noch ein anderes Gesicht, sein wirkliches Gesicht, das zuvor im Verborgenen gelegen hat: „Eine Weile verharrte er vor dem bunten Gesicht, dann rückte er ein Stück zur Seite, und wie ein Spuk tauchte sein farbloses Gesicht im Spiegel wieder auf, daneben eine aufgemalte Spiegelmaske.“ (Z.58-62). An dieser Stelle entlädt sich die aufgebaute Spannung, da er – wahrscheinlich von starken Gefühlen erfüllt – in einer Art Verzweiflungshandlung den Spiegel und somit seine Spiegelmaske zerschlägt (Z.63f.). Verletzt von den Scherben leckt Achim sein Blut von der Hand und verschmiert so sein „farbloses“ (Z.60) Gesicht mit der warmen Farbe Rot (Z.70). Der Erzähler kommentiert diesen Punkt nicht weiter, doch es zeigt, dass auch Achims ‚wahres Ich’ Farbe besitzt und ‚lebt’. Interpretierend könnte man sagen, dass er hinaus will aus dem vorurteilsgeprägten Denken der Eltern, dass er dieses kalte „Nichts“ (Z.1-4) zerschlagen will, um seine eigene Wärme (vgl. Z.67) zu spüren. Erst dann kann er in seine Welt, zu seinen Freunden (Z.73) aufbrechen und die alten, gehassten Scherben seiner kalten, schwarz-weißen Maske zurück lassen.

Durch die kommentar- und wertungslose Wiedergabe Achims Handlungen und Gedanken entsteht für den Leser ein starkes Spannungsverhältnis zwischen dem nicht ausgeführten inneren Konflikt Achims und seinen Reaktionen.

Auch heutzutage werden Menschen in kulturelle, charakterliche und soziale Schichten gesteckt, aus denen sie nur schwer ausbrechen können. Insofern kann man den Text meines Erachtens für das gegenwärtige Leben übertragen und anwenden.

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9 comments… add one
  • Ich habe eine Frage und zwar
    "Warum malt der Junge sein Spiegelbild an und nicht sich selbst?"
    Hoffe auf Antwort
    Liebe grüße

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  • Ich denke weil er sich selbst in dem Spiegel sieht und es dadurch mehr deutlich wird, dass er über sich nachdenkt.

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  • Er malt den Spiegel an weil er die Spiegelmaske mit seinem Gesicht vergleichen will.

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  • hey wie so meint der Junge er sei so HÄSLICH auf Deutsch gesagt ???

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  • Richtig fett, diese Inhaltsangabe hat mir sehr geholfen für die Arbeit, weil mir erst jetzt so richtig klar wurde worum es eigentlich geht.

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  • find ich richtig toll, dass es solche inhaltsangaben zum kontrollieren gibt

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    • Warum zerstört Achim den Spiegel am Ende??

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  • Die Inhaltsangabe ist gut, aber sehr einseitig, nämlich gegen die Eltern interpretiert. Es wurd vergessen, dass Achim selbst ein antriebsloser und wenig planvoll handelnder Mensch ist (Vgl. Er schob sich HALB aus dem Bett). Ich lese die Kurzgeschichte so, dass Achims Eltern besorgt, aber nicht mit den richtigen Erziehungsstrategien handeln, aber Achim noch lange sich selbst nicht gefunden hat und ihm dazu die Kraft und der Abtrieb fehlen, etwas in seinem Leben zu ändern. Dies ist für einen pubertierenden Jungen auch schwer, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. 

     

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  • Ich denke der Junge malt auf dem Spiegel den Jungen den die Eltern haben wollen. Natürlich malt er sich selbst jedoch nicht so wie er sich sieht. Ich denke einfach das er deswegen auch den Spiegel zerschlagen hat. Aus Wut. Wut darauf das er nicht mehr das „Maskottchen“ seiner Eltern sein will das versucht immer so zu springen wie sie es gerade wollen. Ich meine im Endeffekt wurde er eh immer angemotzt. Er will sich einfach nicht mehr verstellen. Deswegen zerschlägt er das Bild und beendet auch somit seine Maske.

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