Der Prozess Interpretation – Vergleich mit Kohlhaas

Im Folgenden findet ihr eine Beispielsaufgabe, wie sie im Abitur 2012 in Baden Württemberg drankommen kann, weiterführende Infos zum Deutsch Abi in Bawü:

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Der Prozess Interpretation + Vergleich mit Kohlhaas

Textauszug:
„Es war aber nicht so (…) um den Geistlichen noch zu sehen.“ (S.192, Z.11 – S.193, Z.34)

  • Legen Sie kurz die für das Verständnis des Textauszuges wichtigen Zusammenhänge dar.

  • Interpretieren Sie die Textstelle. Beziehen Sie dabei die sprachliche und erzählerische Gestaltung ein.

  • Kafkas „Der Proceß“ und Kleists „Michael Kohlhaas“: Vergleichen Sie die Rolle Luthers und diejenige des Gefängniskaplans in den beiden Werken.

Der Prozess Interpretation (Szene mit Geistlichen)

In Franz Kafkas Romanfragment „Der Proceß“, das 1914/15 entstanden ist und posthum veröffentlicht wurde, geht es um die Frage der Schuld und wie man diese definieren kann. Josef K. wird am Morgen seines 30. Geburtstags festgenommen und von einem unbekannten Gerichtswesen angeklagt, ohne ihm den Grund dafür zu nennen. Obwohl K. sich anfangs dieser Sache nicht annehmen will, bestimmt sie bald seine gesamte Gedankenwelt. So ist es für den Leser teilweise schwer die Grenze – sollte sie denn vorhanden sein – zwischen Realität und Fiktion zu erkennen. Nach und nach dringt K. immer tiefer in die Welt dieses Gerichtes ein, welches auf einem Dachboden tagt und dessen höchste Richter für jeden unerreichbar bleiben. Gleichzeitig dringt aber auch das Gericht immer weiter in sein Leben ein. So könnte man am Ende des Buches zu der Interpretation gelangen, dass es sich bei dem gesamten Prozess um eine Art inneres Gerichtsverfahren handelt, ein Selbstgericht, vor das sich K. stellt, und dass sich die im Roman beschriebenen Begebenheiten so nur in seinem Inneren abgespielt haben.

Die zu interpretierende Textstelle steht im vorletzten Kapitel des Romanfragments. Das Gericht ist nun fast vollständig in seine Arbeitswelt eingedrungen. K. kann sich nur noch mit großer Schwierigkeit auf seine Arbeit konzentrieren. Er soll nun einem italienischen Geschäftsfreund den Dom zeigen, doch dieser taucht nicht auf. Als K. sich gerade dazu entschließt, nicht länger zu warten, betritt „ein Geistlicher“ (S.192 Z.7f) eine „kleine Kanzel“ (S.191 Z.12), die ihm kaum aufgefallen wäre, wäre oben nicht ein Licht angezündet worden. K. nimmt an, dass diese nur „irrtümlich angezündet worden (sei)“ (S.192 Z.10) und der Geistliche lediglich die Lampe wieder löschen wolle.

Dem ist aber nicht so. „Der Geistliche schraubt(e)“ (S.192 Z.12) das Licht sogar „noch ein wenig“ (S.192 Z.12) auf. Dies ist der erste Hinweis auf die Wichtigkeit der folgenden Geschehnisse. Das Licht steht im gesamten Dom-Kapitel als Symbol der Erkenntnis oder zumindest als Ankündigung einer solchen. Da es sich im Dom befindet, der eigentlich ein Ort des Glaubens, der Sinnsuche und der potentiellen Einsicht ist, der hier aber eher als Ort der Finsternis beschrieben wird, kommt dem Licht noch eine größere Bedeutung zu.

Dass sich der Geistliche nun „langsam“ (S.192 Z.13) der Brüstung zuwendet, diese an der „kantigen Einfassung“ (S.192 Z.13f) erfasst und in dieser Position „eine Zeitlang“ (S.192 Z.14) stehenbleibt, betont die Autorität, die von ihm ausgeht. Es zeigt, dass er Zeit hat und er scheint sich der Wirkung seines Auftretens sehr bewusst zu sein. Das Erfassen der „kantigen Einfassung“ versinnbildlicht die Stärke, die von ihm ausgeht. Es scheint ihn nicht zu kümmern, dass das Gitter kantig ist. Seine gesamte Erscheinung, wie er dort oben auf der Kanzel steht, muss auf K. wie ein enormes Bild der Macht wirken.

Dies lässt sich auch aus seinem Verhalten schließen. Er weicht „ein großes Stück“ (S.192 Z.15f) zurück und muss sogar an der „Kirchenbank“ (S.192 Z.17) Halt suchen und sich abstützen. Auch ist er sehr verunsichert und blickt mit „unsichern Augen“ (S.192 Z.17) im Dom umher. Er weicht also vor dem Licht, der Erkenntnis, zurück.

K. scheint unterbewusst schon zu bemerken, dass etwas nicht stimmt, er fühlt, dass sich etwas verändert hat. Dieses Gefühl wird in der erlebten Rede „Was für eine Stille herrschte jetzt im Dom! Aber K. mußte sie stören, er hatte nicht die Absicht hierzubleiben;“ (S.192 Z.20ff) zum Ausdruck gebracht. Erst jetzt fällt ihm die Stille, die schon die ganze Zeit da gewesen sein muss, auf. Sie ist ihm unangenehm und er verspürt den Drang sie zu stören. Er scheint nicht zu wissen warum, aber ihm ist klar, dass er nicht in dieser Kirche bleiben möchte.

In seinen nächsten Gedanken scheint es, als wolle er sich vor sich selbst – und wahrscheinlich auch indirekt bei dem Geistlichen – entschuldigen. Es könnte sogar als eine Art Verteidigung aufgefasst werden: K. sagt sich selbst, dass es nicht an ihm läge, ob der Geistliche nun eine Predigt hielt oder nicht, und dass seine Anwesenheit „die Wirkung gewiß nicht steigern würde“ (S.19 Z.25f). Diese Überlegungen sind allerdings falsch und dies scheint auch K. zu wissen, denn ansonsten würde er sich wohl nicht so viele Gedanken machen und einfach gehen.

Auch denkt er über die „Pflicht des Geistlichen“ (S.192 Z.22) nach, die seiner Meinung nach im Halten der Predigt besteht. Dass der Geistliche tatsächlich eine Pflicht zu erfüllen hat, wird später deutlich. Auch hier könnte es sein, dass K. schon eine Befürchtung oder Vorahnung hat.

Das würde auch erklären, warum er sich auf „Zehenspitzen“ (S.192 Z.27), also schleichend fortbewegt, als sei er dazu nicht befugt. Durch seine Bewegungen unterbricht er, wie angekündigt, die Stille. Doch das Widerhallen seiner Schritte scheint K. selbst zu erschrecken. In diesem Moment fühlt er „sich ein wenig verlassen“ (S.192 Z.32), was merkwürdig ist, da er ja immer eher ein Einzelgänger ist und Bindungen zu anderen Menschen nur zulässt, wenn sie ihm helfen könnten. Nun fällt es ihm aber zum ersten Mal auf, wie alleine er wirklich ist, was ebenfalls ein Hinweis auf das baldige Ende des Prozesses und die damit verbundene Hinrichtung sein könnte. Das Verlassenfühlen wird durch die Worte „allein“ (S.192 Z.34) und „leer(en)“ (S.192 Z.33) im selben Satz noch verstärkt.

Auch ein Hinweis auf sein baldiges Ende ist „die Größe des Doms“ (S.192 Z.34f), die ihm jetzt plötzlich auffällt und ihn fast erdrückt. Sie liegt für ihn „gerade an der Grenze des für Menschen noch Erträglichen“ (S.192 Z.25f). K. scheint am Ende seiner Kräfte zu sein.

Nun hat er es eilig, den Dom zu verlassen, denn „ohne weiteren Aufenthalt“ (S. 192 Z.37), verlässt er die Bankreihen. Er „nähert sich dem freien Raum“ (S.193 Z.2f), der ihn vom Ausgang trennt. Das Wort „frei“ ist hier wohl von Kafka ganz bewusst gewählt worden, um noch einmal an die kleine Hoffnung des Protagonisten zu erinnern, aus seinem Prozess mit einem Freispruch rauszukommen.

Auch könnte man an dieser Stell den Dom mit dem Prozess vergleichen, vor dem K. jetzt fliehen will, nachdem ihm seine enorme Größe und Macht deutlich geworden ist. Er kann den Ausgang und die Freiheit schon sehen, als der Geistliche zu sprechen beginnt. Hier wird nun also die Parallele zu seinem Prozess sehr deutlich: Genau in dem Moment, als ihm seine ,Flucht‘ fast gelungen ist, wird er von dem Geistlichen aufgehalten. Hier erschließt sich zudem – sowohl für K. als auch für den Leser – dass der Geistliche wohl ebenfalls aus der Gerichtswelt stammt, denn er ruft „Josef K.“ (S.193 Z.8) bei seinem Namen. Außerdem hat er eine „mächtige geübte Stimme“ (S.193 Z.4f). Während das Wort „geübt“ noch zu einem Geistlichen passen würde, scheint das Wort „mächtig“ hier völlig fehl am Platz.

Auch K., der nun stehen bleibt, erkennt dies. Das erste, was er denkt, ist, dass er „vorläufig“ (S.193 Z.9) noch frei sei. Er befindet sich nun in einem inneren Konflikt: Soll er weitergehen – er hat schon die „Holztüren“ (S.193 Z.11), die ihn in die Freiheit führen könnten, im Blick – oder soll er dem Ruf folgen? Hier fällt nun wieder ein Wort aus der Gerichtswelt: „Geständnis“ (S.193 Z.15). Wenn K. sich „umdreh(t)e“ (S.193 Z.14) wäre es ein Geständnis, dass er den Ruf gehört habe und auch folgen würde.

Hier wird klar wie sehr die Gerichtswelt und sein Prozess die Gedankenwelt K.‘s beherrschen. Er befürchtet, dass schon die kleinste Bewegung seinerseits als ein Geständnis gedeutet werden könnte.

Seine Neugier auf den Geistlichen und auf das, was er von ihm will, kommt zum Ausdruck, als K. seinen „Kopf“ (S.193 Z.20) ein wenig dreht und dies mit einem sehr grotesken Widerspruch verteidigt: „da alles still blieb, solange er wartete, drehte er doch ein wenig den Kopf“ (S.193 Z.18ff). Wieso ging er nicht einfach weiter? Der Geistliche versuchte ja nicht weiter ihn davon abzuhalten.

K. bemerkt, dass der Geistliche immer noch in seiner vorherigen Position verharrt. Da K. nicht „kindlich(es)“ (S.193 Z.23) erscheinen will, muss er sich umdrehen, aber vielleicht ist das auch nur ein weiterer Vorwand, da ihm ja sowieso keine andere Wahl bleibt.

Der Geistliche winkt ihn zu sich und K. folgt „aus Neugierde und um die Angelegenheit abzukürzen“ (S.193 Z.27), wie er selbst sagt, aber vielleicht auch aus Respekt vor der autoritären Erscheinung des Geistlichen oder aus Angst vor der von ihm ausgehenden Stärke. Als er an den ersten Bänken anhält, zeigt der Geistliche „mit dem scharf gesenkten Zeigefinger auf eine Stelle knapp vor der Kanzel“ (S.139 Z.31f). Dies unterstreicht ein weiteres Mal die Macht, die von ihm ausgeht. Er gebraucht nicht einmal Worte und schafft es mit kleinen Gesten, die allerdings überaus ausdrucksstark sind, K. dorthin zu bewegen, wo er ihn haben möchte, nämlich so weit unter ihm, dass K. den Kopf „weit zurückbeugen“ (S.193 Z.33) muss, um ihn noch zu sehen.

Vor allem gegen Ende der Textstelle wird das gegensätzliche Auftreten der beiden sehr deutlich: Der verunsicherte K., der nicht weiß, wie er sich verhalten soll, steht dem autoritär erscheinenden Geistlichen gegenüber, der die Fäden in der Hand hat und genau weiß, was er tut.

Überträgt man das Ganze nun auf die psychologische Interpretationsebene, so lässt sich K.‘s Verhalten besser erklären. Der Geistliche ist der Gefängniskaplan des Gerichts. Er wird K. sagen, dass es schlecht um seinen Prozess steht. Wenn man nun davon ausgeht, dass der Prozess nur im Inneren K.‘s stattfindet, wird deutlich, warum er nicht einfach aus der Kirche verschwinden kann. Ihm ist bewusst, dass es um seinen Prozess geht und dass keine Flucht möglich wäre, da der Prozess ihn überallhin verfolgt.

Der Gefängniskaplan steht hier für einen Josef K., der die Realität erkennt und diese K. ins Bewusstsein bringen möchte. Er sieht das Ende kommen und möchte K. daraufhin vorbereiten, was auch die Gelassenheit K.‘s im letzten Kapitel erklären würde. Er war innerlich durch sein die Wahrheit –erkennendes Ich schon auf sein Ende vorbereitet.


Der Prozess Vergleich mit Michael Kohlhaas

In vielen Punkten lässt sich der Gefängniskaplan aus Kafkas „Proceß“ mit Martin Luther aus Kleists „Michael Kohlhaas“ vergleichen.

So möchte der Gefängniskaplan K. die Augen öffnen und ihm die Wahrheit über seinen Prozess bewusst machen, so versucht Luther Kohlhaas zu helfen, indem er ihn auffordert, von seiner blindwütigen Rache abzulassen. Allerdings versucht er das mit religiösem Bezug – anders als der Gefängniskaplan. Er spricht von „Gottes Thron“ (S.41 Z.21f), erinnert Kohlhaas damit an das Gericht Gottes und versucht ihn auf diese Weise zur Vernunft zu bringen. Außerdem greift Luther bei seiner Zurechtweisung zu harten Worten, so bezeichnet er ihn unter anderem als „gottverdammte(n) und entsetzliche(n)“ (S.44 Z.28) Menschen.

Dagegen ist die Wortwahl des Gefängniskaplans deutlich freundlicher. Er begegnet ihm auf einer Ebene, nachdem er die Kanzel verlassen hat, und baut so „Vertrauen“ (S.196 Z.33) zu K. auf.

Nichtsdestotrotz stellen beide eine Art Helferfigur dar und versuchen ihre ‚Schützlinge‘ auf einen besseren Weg zu lenken, in Kohlhaas‘ Fall auf einen gewaltloseren Weg und auf „den Damm der menschlichen Ordnung“ (S.40 Z.29f), in K.‘s Fall auf den Weg der Wahrheit.

Auch das Ansehen der beiden, das sie vor K. beziehungsweise vor Kohlhaas haben, ähnelt sich: Luther wird von Kohlhaas geradezu verehrt. Er spricht über ihn als den „teuersten und verehrungswürdigsten Namen, den er kannte“ (S.42 Z.28). Seine Meinung ist ihm wichtiger als sonst eine und er möchte ebenfalls vor ihm Ansehen erlangen.

K. respektiert den Gefängniskaplan und vertraut ihm als einzigem einer Reihe von Menschen, die für das Gerichtswesen arbeiten. Er schätzt seine Offenheit, die ihm hilft sich über sein nahendes Ende klar zu werden.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Luther und dem Gefängniskaplan ist, dass sie beide in Verbindung zu den Feinden des jeweiligen Protagonisten stehen. Beide stehen auf der Seite einer stark hierarchisierten Gesellschaft, welche die Freiheit des Einzelnen, des Schwachen einschränkt. Auf der einen Seite vertraut Luther auf die absolute Obrigkeit und steht damit als Befürworter des Absolutismus. Auf der anderen Seite untersteht der Gefängniskaplan der absoluten Macht des Gerichts und glaubt an diese.

Ein Unterschied zwischen den beiden ist aber, wie das Treffen zwischen ihnen und dem jeweiligen Protagonisten zustande kommt. Luther wird von Kohlhaas aufgesucht, um diesem seine Taten zu erklären und in seinem Ansehen wieder aufzusteigen. Während Kohlhaas Luther seit jeher verehrt, erfährt K. im Dom zum ersten Mal von der Existenz des Gefängniskaplans. Dieser lässt K. nämlich ohne sein Wissen zu sich kommen. Andersherum weiß der Gefängniskaplan, sobald er K. sieht, wen er vor sich hat. Luther hingegen erkennt Kohlhaas nicht sofort, als dieser sein Zimmer betritt.

So gesehen könnte man sagen, dass die Rolle der Helferfigur nur teilweise zutrifft, denn Luther bietet Kohlhaas seine Hilfe zuerst nicht persönlich an, erst nachdem er von Kohlhaas regelrecht überfallen wird, macht er seine Unterstützung deutlich. Auch ob es sich bei dem Gefängniskaplan um eine wirkliche Hilfe handelt, bleibt den einzelnen Interpretationshypothesen überlassen. Wendet man den psychologischen Ansatz an, so hilft er K. – wie schon erläutert – auf jeden Fall.

Betrachtet man es allerdings unter dem gesellschaftskritischen Interpretationsansatz, so könnte die scheinbare Hilfe auch nur ein Hinweis auf die absolute Macht des Gerichtes sein, welches nun entschieden hat und mit dessen Urteil K. sich abzufinden hat.

Zusammenfassend ist die einzige Rolle, welche Luther und der Gefängniskaplan gemeinsam haben, die des Vertreters des Absolutismus, welche aber für beide Romane von großer Bedeutung ist, genauso wie für die beiden Autoren Kleist und Kafka, die mit ihren Büchern beide – unter anderem – eine Kritik an der hierarchisierten Gesellschaft ausdrücken wollten.

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  • Danke schön…ich schreibe morgen mein deutsch-abi!! Ich hoffe ich kann das auch so ähnlich schreiben 🙂

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