Das Leben des Galileo Galilei – Gesprächsanalyse

Das Bild 12 aus dem Drama „Das Leben des Galileo Galilei“ geschrieben von Bertold Brecht beschreibt ein Gespräch zwischen Papst Urban VIII und dem Inquisitor, in welchem nach einer Möglichkeit gesucht wird die Thesen von Galileo Galilei zu verbieten, jedoch die Regeln der Wissenschaft aufrecht zu erhalten. Das Gespräch findet im Gemach des Papstes im Vatikan während dessen Ankleidung kurz vor der Anhörung Galileis statt. Auffällig ist vorab noch, dass die Aussagen des Inquisitors mehr als drei- viertel des gesamten Dialogs einnehmen und der Papst fast durchgehend in der Position der Verteidigung ist.

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Das Zusammenkommen der Diskutanten wird nicht beschrieben, wodurch statt einer Eröffnungsphase direkt die Szene, mit dem Ausruf „Nein! Nein! Nein!“ durch den Papst (S.107, Z.7), beginnt. Mit Hilfe dieser Wiederholung versucht der Papst seine Autorität und seinen Unmut zu zeigen. Der Inquisitor erwidert, in Form eines langen (S.107, Z.8- 15), hypotaktischen Textes, in dem er durch Übertreibung der Situation den Papst zu einer bestimmten Antwort zu drängen versucht, „dass alle Doktoren aller Fakultäten, Vertreter aller Heiligen Orden und die gesamte Geistlichkeit, gekommen sind um zu vernehmen, dass die Schrift nicht länger für wahr gelten könne“ (S.107, Z.10-15). Der Implizierte Unterton würde dem Papst eigentlich die Verneinung aufzwängen, doch dieser antwortet nur, dass er nicht die Rechentafeln zerbrechen lassen würde, um die Bibel zu wahren (S.107, Z.16). Rechentafel kann hier als synonym für Wissenschaft selbst verstanden werden.

In den folgenden 59 Zeilen (S.107, Z.18- S.109, Z.13) holt der Inquisitor nun weiter aus, um nun seine Autorität und seine Meinung dem Papst näher zu bringen beziehungsweise ihn davon zu überzeugen. In Anbetracht der Rangordnung ist er dem Papst zwar unterlegen doch in dieser Debatte nutzt er alle Möglichkeiten aus, den Papst zu beeinflussen. In diesem Abschnitt stechen zwei Wörter klar heraus: Es ist das negativ konnotierte Wort „Zweifel“ (z.B S.107, Z.19 oder Z. 25 & 26), sowie Wörter dessen Wortfamilie, und das ebenfalls negativ belegte Wort „Unruhe“ (Z.21), mit der die, erneut sehr verwirrende, hypotaktische Aussage des Inquisitors die Lehre des Galilei als negativ darzustellen versucht. Es ginge nicht um die Rechentafel sondern darum, dass die Welt allgemein in Unruhen aufgrund von zweifelnden Menschen gekommen wäre und die Religion keinen Zweifel erlauben darf, falls das Reich des Papstes nicht

zusammenbrechen solle. (vgl. S.107, Z.18- S.108, Z.5) In Zeile 4-5 versucht der Inquisitor durch Schmeicheleinen erneut an seine Macht zu erinnern, damit dieser über die Schwierigkeiten der Lehren vergisst. Die zweifelnden Menschen verstünden die Politik und die Religion nicht, teilt er mit. (S.108, Z.5-7) Mit der Erklärung, dass Europa seit einiger Zeit unter den Unstimmigkeiten der einzelnen Religionen und den Bündnissen anderer Nationen, wie Schweden, mit dem Ziel des Falls des Kaisers leide (S.108, Z.8-13) stellt er eine aktuelle Schwierigkeit dar. Er fügt nun, um die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf eine noch bedrohlichere Ebene zu erheben, an, dass die Mathematiker, synonym zu Wissenschaftlern, diesen einzigen Teil, über den der Papst noch herrscht – Deutschland – ebenfalls streitig machen wollen. (S.108, Z.14-18) Mithilfe dieses Abschnitts appelliert der Inquisitor an den Selbsterhaltungstrieb des Papstes und sogar ein bisschen an dessen Eitelkeit, als er den Fall des Papstes durch die Wissenschaft vorhersieht. Er geht noch einen Schritt weiter, indem er die Gefahr durch Galilei weiter zuspitzt. „Mit den Maschinen wollen sie Wunder tun. Was für welche? Gott brauchen sie jedenfalls nicht mehr, aber was sollen es für Wunder sein?“ (S.109, Z. 2-4). Denn wenn Gott nicht mehr gebraucht wird, bedarf es auch keinem Papste mehr. Ein drittes Mal macht er mit dem Zitat Aristoteles „Wenn das Weberschifflein von selber webte und der Zitherschlegel von selber spielte, dann brauchten allerdings die Meister keine Gesellen und die Herren keine Knechte.“ (S.109, Z. 5 -10) Hierbei steht Meister und Herren für Gott und die Unterwürfigen, die Knechte und Gesellen sind die Gläubigen.

Das einzige, was der Papst auf diese lange Rede erwidert ist, dass es von sehr schlechtem Geschmack zeuge (vgl. S.109, Z.13-14), wenn diese Menschen nicht mehr in der Sprache Latein sondern in der „einfachen“ Sprache sprechen. Er versucht hiermit der themennahen Antwort zu entgehen und vielleicht sogar das Thema zu wechseln. In der folgenden Aussage des Inquisitors wird ein weiteres Problem adressiert: „Die Seestädte fordern für ihre Schiffe die Sternkarten des Herrn Galilei.“(S.109, Z.16-20) Diesen materiellen Interessen müsse man nachgeben. Der Papst nimmt erstmals aktiv teil an der Diskussion und stellt klar, dass man nicht die Sternkarten, die auf Galileis Lehre basieren nehmen und die Lehre selbst ablehnen könne.(vg. S.109, Z.21-26) Der Inquisitor sieht darin kein so großes Problem und verwendet, nachdem der Papst erneut versucht durch den Bezug auf die Geräusche im nahegelegenen Flur das Thema zu wechseln (S.109, Z.28-29), erneut das starke Wort „Zweifel“ um die Meinung des Papstes als negativ abzustempeln.

So langsam scheint es dem Papst zu bunt zu werden und er teilt mit, dass es Galileo Galilei, den größten Physiker dieser Zeit, und das Licht Italiens nicht anzugreifen gilt, da dieser sich durch Freunde zu helfen weiß. Das Ergebnis werde lediglich sein, dass die heilige Kirche verdammt würde. (vgl. S.109, Z.33- S.110, Z.2). Langsam kristallisiert sich eine durch Angst bedingt Sympathie des Papstes gegenüber Galilei heraus, die sich in seiner folgenden Aussage weiter festigt. Denn aufgrund der Angst vor der Verlachung der Kirche wurde dem Physiker die Veröffentlichung seines Buches erlaubt unter der Prämisse, dass das Buch ausdrücke, dass am Ende immer der Glaube und nicht die Wissenschaft siege (S.110, Z.6-14) Doch der Inquisitor teilt sogleich mit, dass das Buch den verbalen Kampf zweier Individuen, dem dummen und dem schlauen widerspiegelt und hierbei die Kirche sich durch den dummen vertreten zu sehen hat. (S.110, Z.15-19)

Der Dialog schließt mit der Feststellung des Papstes, dass dies eine Unverschämtheit sei und man trotzdem Galilei die Instrumente zeige, damit er sich beweisen könne. (S.110, Z.28-29).

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