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	<title>Inhaltsangabe&#187; dantons-tod</title>
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		<title>Interpretation Dantons Tod &#8211; sehr sehr ausf&#252;hrlich!</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jun 2007 03:08:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kevin</dc:creator>
				<category><![CDATA[dantons-tod]]></category>

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<p>In der Krise des Germinal zeigt sich das Scheitern der Franz&ouml;sischen Revolution als &quot;soziale&quot; Revolution im Sinne des Volkes. Robespierre und die jakobinischen F&uuml;hrer im Wohlfahrtsausschuss zielen auf ein B&uuml;ndnis mit der Volksbewegung. Die durch den Krieg und die Konterrevolution im Innern noch versch&auml;rfte soziale Krise der Jahre 1793/94 setzt un&uuml;bersehbar den Gegensatz von Arm und Reich auf die Tagesordnung der b&uuml;rgerlichen Revolution. Dies erkennend, strebt die Revolutionsregierung eine politische Integration des Volkes in das jakobinische Modell einer b&uuml;rgerlichen Revolution an. Die sozialen Ma&szlig;nahmen des Wohlfahrtsausschusses (staatliche Eingriffe in die Wirtschaft) werden dagegen nur z&ouml;gernd und halbherzig vorangetrieben. Das B&uuml;ndnis zwischen dem mittleren B&uuml;rgertum, das von der Revolution politisch und &ouml;konomisch profitiert hat, und der Sansculottenbewegung der Handwerker und kleinen H&auml;ndler, der sich auch Gesellen und Lohnarbeiter anschlie&szlig;en, ist von vornherein br&uuml;chig.<br />
Die Jakobinerdiktatur scheitert nicht zuletzt an dem Klassenwiderspruch, der ihrer sozialen Basis eingelagert ist. Der Position der Mitte, die Robespierre gegen&uuml;ber der b&uuml;rgerlichen Rechten (Anh&auml;nger der entmachteten Gironde) und der extremen Linken (Enrag&eacute;s, H&eacute;bertisten) beansprucht, fehlt eine wirksame gesellschaftliche Verankerung. Robespierres spiritualistisch motivierter Tugendkult suspendiert die soziale Frage, statt sie zu l&ouml;sen.<br />
Er leugnet die soziale Dimension der Terreur des Volkes, an deren Stelle die moralisch legitimierte Schreckensherrschaft des Staates treten soll.<br />
Der jakobinische &quot;Despotismus der Freiheit&quot; begibt sich zusehends einer breiten politischgesellschaftlichen Legitimation. Durch die Beseitigung der extremen Linken und der gem&auml;&szlig;igten Fraktion um Danton (Indulgents) versuchen die Jakobiner um Robespierre diesen sozialen Widerspruch mit Gewalt abzuschaffen. Die jakobinische Diktatur der Mitte ger&auml;t noch st&auml;rker in die gesellschaftliche Isolation, die schlie&szlig;lich mit dem Sturz Robespierres am 9. Thermidor des Jahres II (27. Juli 1794) ihre eigene Liquidierung zur Folge haben wird. Durch diese Ereignisse wird die Entmachtung der Volksbewegung, die bereits von der Revolutionsregierung vorbereitet wurde, zu Ende gef&uuml;hrt. Dem Volk, dessen wiederholte Mobilisierung gegen die Feinde der Revolution innerhalb und au&szlig;erhalb Frankreichs der Bourgeoisie zum Sieg verholfen hat, wird endg&uuml;ltig der Platz auf der Verliererseite der b&uuml;rgerlichen Revolution angewiesen. Erst jetzt wird die L&ouml;sung der &quot;sozialen Frage&quot; in Angriff genommen: im Sinne des kapitalistischen B&uuml;rgertums. B&uuml;chners dramatische Autopsie der Franz&ouml;sischen Revolution legt schonungslos die klassenbedingte Borniertheit der b&uuml;rgerlichen Positionen frei. Sie demonstriert aber zugleich die Unf&auml;higkeit des Volkes, die Rolle eines Subjekts im historischen Prozess der Revolution zu &uuml;bernehmen. Der politische Diskurs in Dantons Tod steht im Zeichen radikaler Ideologiekritik. Die irritierend perspektivische Darstellung des Volkes und der beiden b&uuml;rgerlichen Fraktiosellschaftliche Isolation, die schlie&szlig;lich mit dem Sturz Robespierres am 9. Thermidor des Jahres II (27. Juli 1794) ihre eigene Liquidierung zur Folge haben wird. Durch diese Ereignisse wird die Entmachtung der Volksbewegung, die bereits von der Revolutionsregierung vorbereitet wurde, zu Ende gef&uuml;hrt.</p>
<p>Dem Volk, dessen wiederholte Mobilisierung gegen die Feinde der Revolution innerhalb und au&szlig;erhalb Frankreichs der Bourgeoisie zum Sieg verholfen hat, wird endg&uuml;ltig der Platz auf der Verliererseite der b&uuml;rgerlichen Revolution angewiesen. Erst jetzt wird die L&ouml;sung der &quot;sozialen Frage&quot; in Angriff genommen: im Sinne des kapitalistischen B&uuml;rgertums.</p>
<p>B&uuml;chners dramatische Autopsie der Franz&ouml;sischen Revolution legt schonungslos die klassenbedingte Borniertheit der b&uuml;rgerlichen Positionen frei. Sie demonstriert aber zugleich die Unf&auml;higkeit des Volkes, die Rolle eines Subjekts im historischen Prozess der Revolution zu &uuml;bernehmen. Der politische Diskurs in Dantons Tod steht im Zeichen radikaler Ideologiekritik. Die irritierend perspektivische Darstellung des Volkes und der beiden b&uuml;rgerlichen Fraktioeine schon fr&uuml;hzeitig ausgepr&auml;gte Ablehnung des b&uuml;rgerlichen Liberalismus. Sie &uuml;berliefern zudem B&uuml;chners tiefe Verachtung f&uuml;r politische Theatralik, f&uuml;r jede pseudorevolution&auml;re Pose, die sich unkritisch glorifizierend auf das b&uuml;rgerliche Heldenzeitalter der Franz&ouml;sischen Revolution zur&uuml;ckbezieht. Aus kritischer Distanz wird ebenso das Junge Deutschland betrachtet, zu dem B&uuml;chner neben Karl Gutzkow ausdr&uuml;cklich auch Heinrich Heine rechnet. Eine grundlegende Verkennung der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse f&uuml;hre dort zu einer &Uuml;bersch&auml;tzung der b&uuml;rgerlichen Intelligenz und des literarischen Mediums, das auf die Bildung der gesellschaftlichen und religi&ouml;sen Ideen Einfluss nehmen soll: &quot;Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformieren? Unm&ouml;glich!&quot; Mit der Franz&ouml;sischen Revolution von 1789 verf&uuml;gten B&uuml;chners Zeitgenossen &uuml;ber ein historisch verb&uuml;rgtes Modell politischen Handelns, in dessen Rahmen die eigenen politischen Positionen zugleich formuliert und legitimiert werden konnten. W&auml;hrend sich aber ein gro&szlig;er Teil der b&uuml;rgerlichen Opposition im Vorm&auml;rz um eine ideologisch motivierte Aktualisierung der historischen Programme der b&uuml;rgerlichen Revolution bem&uuml;hte, ging es B&uuml;chner im Gegenteil um eine konsequente Historisierung gegenw&auml;rtiger Probleme der politischen Praxis der sozialen Revolution. Der Rekurs auf die Geschichte ist somit politisch motiviert.</p>
<p>Das &auml;sthetisch verdichtete Modell der b&uuml;rgerlichen Revolution bewirkt eine gesteigerte Reflexivit&auml;t des politischen Bewusstseins, das seinen eigenen Standort im Prozess der Kritik der b&uuml;rgerlichen Programme und Positionen gewinnt. Wenn also B&uuml;chner nachtr&auml;glich in das bereits abgeschlossene Manuskript von Dantons Tod eine Reihe von Heine Zitaten einf&uuml;gte, die das St&uuml;ck durchsichtig auf die zeitgen&ouml;ssische Kontroverse um &quot;Sensualisten&quot; und &quot;Spiritualisten&quot; beziehen, so geht dies keineswegs mit einer Aufhebung des strengen Perspektivismus im politischen Diskurs des Dramas einher. Vielmehr unterstreicht die Einbeziehung der B&ouml;rne-Heine-Debatte, als ein kalkulierter Anachronismus neben anderen, gerade das Bem&uuml;hen um eine objektivierende Historisierung aktueller politischer Auseinandersetzungen im fortschrittlichen b&uuml;rgerlichen Lager. Das Ergebnis des &quot;projet id&eacute;ologique&quot; (Th. M. Mayer) ist auch in diesem Fall negativ. Die historischen wie die gegenw&auml;rtigen Programme der b&uuml;rgerlichen Opposition erweisen sich s&auml;mtlich als untauglich, die soziale Revolution des Volkes zu bef&ouml;rdern. Auf der Ebene des politischen Diskurses verharrt das St&uuml;ck in der radikalen Negation. B&uuml;chner fand in seiner Zeit keine revolution&auml;re Situation vor, die eine risikoreiche politische T&auml;tigkeit auf Dauer h&auml;tte rechtfertigen k&ouml;nnen. Zudem hat die politische Reflexion in Dantons Tod den Entwurf eines revolution&auml;ren Handlungsmodells sicher erschwert.</p>
<p>Gleichwohl bedeutet dies nicht notwendig Resignation, und es ist wohl nicht Koketterie, wenn B&uuml;chner im Mai 1835 an Gutzkow schreibt: &quot;Mein Danton ist vorl&auml;ufig ein seidenes Schn&uuml;rchen und meine Muse ein verkleideter Samson.&quot; Im &auml;sthetischen Medium praktiziert B&uuml;chner revolution&auml;re Ideologiekritik: ein Jahrzehnt vor Marx werden zentrale Positionen der b&uuml;rgerlichen Opposition einer materialistischen Kritik unterzogen. Das in Dantons Tod praktizierte Verfahren der dramatischen Ideologiekritik muss zugleich als zentrale Vermittlungsform eines &auml;sthetischen Realismus gelten, der so direkt auf die politische Intention des St&uuml;cks verweist. An der Verwendung der Theatermetaphorik in Dantons Tod l&auml;sst sich die Genese dieses kritischen Realismus exemplarisch veranschaulichen: Der &auml;sthetische Diskurs des St&uuml;cks ist fundiert in einem neuen Wirklichkeitsbegriff, der aus der ideologiekritischen Analyse einer umfassenden Theatralisierung der Politik gewonnen wird. Die Kritik der gesellschaftlichen Vorstellungen wird &uuml;berf&uuml;hrt in eine Fundamentalkritik der gesellschaftlichen Produktion von Wirklichkeit, wobei der kritische Realismus weit &uuml;ber die Ergebnisse des &quot;Kunstgespr&auml;chs&quot; (35 f.) hinausgeht. Zwar gelangen Danton und Camille zu einer ersten Thematisierung der fatalen Theatralisierung der Wirklichkeit, doch verbleiben ihre eigenen &auml;sthetischen Konzepte vage, und auch die kunsttheoretische Reflexion in Lenz bewegt sich auf der Ebene eines vergleichsweise naiven Realismus, der die Mittelbarkeit der Kunst beharrlich untersch&auml;tzt. Die neue politisch&auml;sthetisch fundierte Strategie des Realismus wird erst auf der Ebene der dramatischen Struktur eingel&ouml;st.</p>
<p>Als Geschichtsdrama kann Dantons Tod nur in einem spezifisch eingeschr&auml;nkten Sinn gelten. Eine neue, eigenst&auml;ndige Deutung der Geschichte der Franz&ouml;sischen Revolution ist eher die politische Pr&auml;misse als das Ergebnis des &quot;dramatischen Versuchs&quot;, der einen &quot;Stoff der neueren Geschichte&quot; behandelt.</p>
<p>Vielmehr wird das politische Drama der Revolution in dem Ma&szlig;e zum Geschichtsdrama, wie Geschichte in ihm als eine transzendentale Bedingung politischen Handelns an Bedeutung gewinnt. Das historische Modell der b&uuml;rgerlichen Revolution wird zum exemplarischen Vorwurf f&uuml;r die dramatische Reflexion der Grenzen und M&ouml;glichkeiten eines subjektiven Eingriffs in den geschichtlichen Prozess &#8211; im Handlungsraum des Dramas wird der Spielraum historischer Subjekte vermessen. Das unvermeidliche Scheitern der sozialen Revolution und die unaufhebbaren Widerspr&uuml;che des politischen Handelns l&ouml;sen eine transzendental gerichtete geschichtliche Reflexion aus, die die vielf&auml;ltige Bedingtheit menschlichen Handelns zum Gegenstand hat. Der ber&uuml;chtigte &quot;Fatalismus-Brief&quot; vom M&auml;rz 1834 formuliert bereits umfassend den Problemhorizont der dramatischen Reflexion &uuml;ber Geschichte, die kaum zuf&auml;llig in Danton als einem Opfer der Geschichte Gestalt gewinnt. Auch den historischen Diskurs in Dantons Tod l&auml;sst B&uuml;chner radikal negativ enden: Die Aporien geschichtlichen Handelns werden nicht aufgel&ouml;st. Die unbegriffene Geschichte, die das geschichtliche Handeln des Subjekts unabweislich mit dem Stigma des Absurden versieht, f&uuml;hrt Danton zeitweise in das Extrem einer nihilistisch artikulierten Verzweiflung an der Welt.</p>
<p>Die Negativit&auml;t des Dramas wird tendenziell durchbrochen in einer Sph&auml;re, die als private und intime der geschichtlichen Sph&auml;re politischen Handelns diametral gegen&uuml;bersteht. Im Angesicht des Todes, dessen sinnhafte Aneignung im historischen Diskurs nicht gelingen mag, scheint mit den intimen, von zwischenmenschlicher Verst&auml;ndigung getragenen Beziehungen Dantons zu Julie und Camilles zu Lucile die Aufhebung von Entfremdung und Isolation m&ouml;glich. Zu den zentralen Problemen einer Deutung von Dantons Tod z&auml;hlt daher die Frage, ob die besonders im letzten Akt des Dramas st&auml;rker akzentuierte Privatsph&auml;re als Ausdruck politischer Ratlosigkeit und Resignation, als unverbindlicher Fluchtraum der privaten Existenz verstanden werden muss, oder ob die private Sph&auml;re als bestimmte Negation kritisch auf den politischen Diskurs des St&uuml;cks bezogen bleibt.</p>
<p>Die Interpretation wird zun&auml;chst Aspekte des politischen, des &auml;sthetischen und des historischen Diskurses in Dantons Tod behandeln und sich abschlie&szlig;end der Frage nach der Funktion der Privatsph&auml;re zuwenden.<br />
Widerspr&uuml;che politischen Handelns in der b&uuml;rgerlichen Revolution<br />
Danton und die Dantonisten</p>
<p>Ein zentrales Thema des politischen Diskurses in Dantons Tod ist die Einsch&auml;tzung revolution&auml;rer Gewalt: die Legitimation der Terreur und des &quot;Despotismus der Gewalt&quot;. Zynische Kommentare der Dantonisten, die treffsicher die Schw&auml;chen des politischen Gegners erkennen und kritisieren, er&ouml;ffnen den politischen Diskurs (6 f.). Robespierres atavistischer Kult der Tugend und die neue Opferreligion, die das System der mechanischen Massent&ouml;tung m&uuml;hsam mit dem Schein einer realit&auml;tsfernen revolution&auml;ren Romantik zu bem&auml;nteln sucht, demonstrieren die Unf&auml;higkeit der jakobinischen Diktatur der Mitte, der Revolution ein soziales oder politisches Ziel zu setzen. Die Revolution ist zum Selbstzweck geworden; die Terreur dient prim&auml;r dem Machterhalt der jakobinischen F&uuml;hrungsclique. Freilich findet die scharfsinnige Kritik der jakobinischen Fraktion nicht ihr Gegenst&uuml;ck in einer politisch reflektierten Selbstkritik der Dantonisten. Die m&ouml;gliche revolution&auml;re Legitimation der Gewalt und des &quot;Despotismus der Freiheit&quot;, also deren politische und soziale Funktion, tritt nicht in den Blick. Die dantonistische Forderung nach einem &quot;Aufh&ouml;ren&quot; (7) der Revolution, die durchsichtig an die girondistische Position 1792/93 ankn&uuml;pft, ist politisch naiv und betreibt im Grunde die Sache der b&uuml;rgerlichen Reaktion. Die Gef&auml;hrdung der Revolution durch die Aufst&auml;nde im Innern, den Krieg, die Versorgungskrise und durch den Hunger des Volkes wird einfach ausgeblendet. Das dantonistische Programm tr&auml;gt daher den Charakter einer unpolitischen, praxisfernen Setzung, einer unverbindlichen Proklamation ohne auch nur die geringste Chance auf Realisierung. Mag es in der Auffassung des Staates, der menschlichen Natur und im kategorischen Imperativ des Genusses auch Ans&auml;tze zu einer sensualistischmaterialistischen Sozialutopie geben &#8211; die schw&auml;rmerisch &auml;sthetisierende Rhetorik der Verk&uuml;ndung und die zynische Antithese zu den dringendsten Bed&uuml;rfnissen einer sozialen Revolution, die in der folgenden Szene mit der Darstellung des verelendeten Volkes drastisch vor Augen gef&uuml;hrt werden, qualifizieren das dantonistische Programm in der gegebenen Situation als reaktion&auml;r. Der Luxuskult der Merveilleuses und der Incroyables sowie der Vergn&uuml;gungsrausch der Jeunesse dor&eacute;e w&auml;hrend der Thermidor-Zeit entlarvten das volksverachtende Wesen dieses Programms.</p>
<p>Der Sozialcharakter des dantonistischen Programms wird durch die ihm zugedachte gesellschaftliche Basis noch einmal unterstrichen: &quot;Wir und die ehrlichen Leute&quot; (8). Die Gem&auml;&szlig;igten denken keineswegs an eine Koalition mit der Volksbewegung. Das Volk, dem Danton die politische Reife eines Kindes zubilligt &#8211; &quot;das Volk ist wie ein Kind, es muss alles zerbrechen, um zu sehen, was darin steckt&quot; (23) &#8211; kommt als Adressat f&uuml;r die Genussvariante der b&uuml;rgerlichen Revolution zwangsl&auml;ufig nicht in Betracht. In der zynischen Sichtweise der Dantonisten macht die materielle Verelendung das Volk unf&auml;hig zum Genuss, ist also die Tugend der Enthaltsamkeit einer Deformation der Genussorgane geschuldet. Das Volk, so Danton, &quot;hasst die Genie&szlig;enden wie ein Eunuch die M&auml;nner&quot; (23). &quot;Wir und die ehrlichen Leute&quot;: Als Zielgruppe des dantonistischen Programms wird das wohlhabende B&uuml;rgertum, die soziale St&uuml;tze der Thermidor-Zeit, ins Auge gefasst.</p>
<p>Schon zu Beginn des Dramas wird Danton sorgf&auml;ltig von seinen Anh&auml;ngern unterschieden. Er ist nicht an der Formulierung ihres Programms beteiligt und wei&szlig; bereits, dass die Revolution ihrer eigenen Logik folgt.</p>
<p>Im Hinausgehen, zwischen T&uuml;r und Angel, prophezeit er, dass der revolution&auml;re Prozess noch nicht beendet ist, dass das Opfer der eigenen Fraktion noch bevorsteht; sp&auml;ter wird er auch das gewisse Ende Robespierres voraussagen. Das prophetische Verm&ouml;gen hat jedoch seinen Preis: Die Erweiterung der politischen Reflexion wird mit einer Einschr&auml;nkung der Handlungsf&auml;higkeit bezahlt. Von vornherein geht Danton auf Distanz zur Sph&auml;re politischen Handelns. Seine chronische Handlungsverweigerung ist das Resultat eines Reflexionsprozesses, der die aktuelle politische Situation bewusst &uuml;berschreitet. Die gleich anfangs inszenierte Spielmetapher benennt die Danton verbliebene Praxisform, der, jedenfalls zeitweise, eine existentielle Setzung fehlt: Dantons Handeln ist Spiel, ein Handlungsspiel, das sich mit dem Vollzug des als unvermeidbar begriffenen revolution&auml;ren Geschehens aus der Distanz der Reflexion zu vermitteln sucht. Daher bleibt die Position Dantons auf der Ebene des politischen Diskurses relativ unergiebig. Seine letzten &ouml;ffentlichen Auftritte zeigen den spielerischen Nachvollzug einer Handlungsrolle, die die Revolution f&uuml;r ihren &quot;toten Heiligen&quot; bereitgestellt hat. Die Reden vor dem Revolutionstribunal (52 ff. und 62 f. ) formulieren den Abgesang eines gescheiterten Revolution&auml;rs; in der Selbstapologie eines Helden der Revolution versucht Danton &#8211; vergeblich, wenn auch unter dem Beifall der Versammlung &#8211; den historischen Sinn der eigenen Geschichte in der Geschichte der b&uuml;rgerlichen Revolution einzuklagen.</p>
<p>Robespierre, St. Just und die Jakobiner Im Gegensatz zur dantonistischen Fraktion, die weitgehend handlungsunf&auml;hig an der Peripherie des revolution&auml;ren Geschehens steht, das sich ihrer nur mehr als Opfer zu bedienen wei&szlig;, stellen die Jakobiner mit Robespierre und St. Just die revolution&auml;ren F&uuml;hrer des Tages. Sie beherrschen die politischen Schaltstellen in den revolution&auml;ren Gremien und scheinen mit ihrem Handeln den gegenw&auml;rtigen Verlauf der Revolution zu bestimmen.</p>
<p>Ohne Zweifel leisten sie den wichtigsten Beitrag zum politischen Diskurs in Dantons Tod. Robespierres erster Auftritt (11 f.) demonstriert den Versuch der Revolutionsregierung, die spontan entwickelte revolution&auml;re Gewalt des Volkes in staatlichlegalistische Bahnen zu lenken. Bezeichnenderweise erscheint der &quot;Unbestechliche&quot; erst in dem Augenblick, als die spontane Gewaltaktion auf der Handlungsebene bereits ihre Aufl&ouml;sung erfahren hat. Robespierres praktischer Eingriff ist so vorwiegend rhetorischer Natur. Er interpretiert das konkrete Geschehen und die Forderung des Volkes nach einer Verst&auml;rkung der Terreur auf der allgemeinen Ebene einer Theorie der legalen Ableitung revolution&auml;rer Herrschaft. Das Handlungsziel des Volkes, die Beseitigung des materiellen Elends, verliert auf diese Weise an Bedeutung zugunsten einer abstrakten Deduktion des Gesetzes aus dem Willen des Volkes. Mit keinem Wort geht Robespierre auf den in dieser Szene sorgf&auml;ltig exponierten Widerspruch zwischen Arm und Reich ein, der die spontane Gewalt ausgel&ouml;st hat. Der penetrante Volkskult (12), dessen ideologische Dimension die Simon-Handlung klar zum Ausdruck bringt, steht &uuml;berdies in deutlichem Gegensatz zu dem arbeitsteiligen Herrschaftsmodell der b&uuml;rgerlichen Revolution, das Robespierre gleich anschlie&szlig;end entwickelt. Der politische F&uuml;hrungsanspruch der Jakobiner impliziert von vornherein die Unm&uuml;ndigkeit des Volkes, das als unf&auml;hig angesehen wird, die eigenen politischen und sozialen Interessen in die Tat umzusetzen.</p>
<p>&Auml;hnlich wie Danton begreift Robespierre das Volk als ein Kind, das vor sich selbst gesch&uuml;tzt werden muss. &quot;Du kannst nur durch deine eigene Kraft fallen, das wissen deine Feinde. Deine Gesetzgeber wachen, sie werden deine H&auml;nde f&uuml;hren; ihre Augen sind untr&uuml;gbar, deine H&auml;nde sind unentrinnbar&quot; (12). Am historischen Modell der b&uuml;rgerlichen Revolution in Frankreich untersucht B&uuml;chner die prinzipielle Frage nach der Legitimit&auml;t revolution&auml;rer Gewalt.</p>
<p>Der politische Diskurs des Dramas bezieht sich auf den 1793/94 ausgetragenen Konflikt zwischen der spontanen Volksgewalt und der legalisierten Gewalt der Revolutionsregierung. Historisch gesehen war die Bildung des Revolutionstribunals sowie die Schaffung von Revolutionsaussch&uuml;ssen und Sondergerichten der Versuch einer staatlichen Aufhebung spontaner Gewalt, einer zunehmend pr&auml;ventiv gerichteten legalen Organisation des Schreckens. Diese Institutionalisierung der revolution&auml;ren Gewalt zeigte sich borniert gegen&uuml;ber der sozialen und &ouml;konomischen Fundierung der Terreur. Gerade die legalistische Abstraktion vom gesellschaftlichen Charakter der Gewalt bef&ouml;rderte die menschenverachtende Praxis des sich selbst unabl&auml;ssig fortzeugenden staatlichen Blutrausches der jakobinischen Schreckenszeit. Im Drama wird sichtbar, wie das Volk sein spontanes Verh&auml;ltnis zur Gewalt, das noch den Fall des jungen Aristokraten (11) bestimmt, allm&auml;hlich verliert.</p>
<p>Die Verstaatlichung der Terreur macht das Volk zu einem blo&szlig;en Zuschauer der Revolution. Die Massenspektakel der &ouml;ffentlichen Hinrichtungen verm&ouml;gen freilich nur f&uuml;r kurze Zeit den Hunger zu verdr&auml;ngen (74). Der von Robespierre messianischmissionarisch zelebrierte Volks und Tugendkult erscheint vor diesem Hintergrund als eine ideologische Transformation des unaufgel&ouml;sten Widerspruchs der b&uuml;rgerlichen Revolution. Diese braucht den Kult, um die auseinander driftenden Positionen ihrer gesellschaftlichen Basis zu verbergen. Der Tugendkult zielt auf eine moralische Neutralisierung der Revolution. Die Tugend orientiert sich an der Instanz eines abstrakten Gemeinwohls, das den konfligierenden Interessen von B&uuml;rgertum und Volk scheinbar &uuml;bergeordnet ist. In Wirklichkeit verdeckt der Spiritualismus der jakobinischen F&uuml;hrung den objektiven Widerspruch ihres gesellschaftlichen Auftrags und die daraus resultierende Unf&auml;higkeit, die Revolution als soziale zu begreifen oder gar fortzuf&uuml;hren. Mit den Mitteln der politischen Rhetorik und der staatlichen Terreur sorgen die Robespierristen eher f&uuml;r eine Stabilisierung des Status quo der in ihrem Klasseninhalt unbegriffenen Revolution, als dass sie praktisch und bestimmend auf ihren Verlauf Einfluss nehmen. Andererseits f&uuml;hrt der aus der F&uuml;hrungsrolle erwachsende Zwang zum politischen Handeln dazu, dass die jakobinische Position st&auml;rker auf die gegenw&auml;rtigen Probleme der Revolution bezogen bleibt als die hoffnungslos anachronistische Position der Gem&auml;&szlig;igten um Danton. Das zeigt sich besonders in den beiden gro&szlig;en politischen Szenen des Dramas im Jakobinerklub (I,3) und im Konvent (II,7). Auf die Forderung nach einer Versch&auml;rfung der Gewaltherrschaft, die mit dem Hinweis auf Ronsin zugleich eine versteckte Kritik an der Ausschaltung der H&eacute;bertisten enth&auml;lt, und auf Legendres dubioses Doppelspiel mit den M&auml;rtyrern der Revolution reagiert Robespierre mit einer zweifachen Abgrenzung der jakobinischen Position der Mitte: Die Revolution sucht ihre Feinde nicht mehr nur au&szlig;erhalb ihrer eigenen Reihen; sie findet sie in ihren extremen Fl&uuml;geln, die eben den sozialen Gegensatz formieren, den die jakobinische Diktatur gewaltsam zu liquidieren versucht. Robespierre st&uuml;tzt seine Vorw&uuml;rfe gegen die H&eacute;bertisten nicht nur auf deren Kampf gegen die &quot;Gottheit&quot; (14). B&uuml;chner bezieht hier &#8211; die historische Quelle &uuml;berschreitend &#8211; ausdr&uuml;cklich den Kampf H&eacute;berts gegen das Eigentum ein. Die Eigentumsfrage trennte die b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;re von ihrer Massenbasis im Volk.</p>
<p>Die Sansculotten waren keineswegs wie die kapitalistische Bourgeoisie an einer totalen Befreiung des Eigentums interessiert. Sie zeigten sich eher einer vorkapitalistischen Wirtschaftsethik verpflichtet, die auf einer Begrenzung und sozialen Einbindung des Eigentums beharrte. F&uuml;r kurze Zeit also bekennt der &quot;Unbestechliche&quot; mit seinem indirekten Pl&auml;doyer f&uuml;r das Eigentum Farbe als Wortf&uuml;hrer einer b&uuml;rgerlichen Fraktion. Der weitaus gr&ouml;&szlig;te Teil der Kritik an den H&eacute;bertisten und an den Gem&auml;&szlig;igten um Danton bem&uuml;ht je doch aufs neue die bekannten Grunds&auml;tze der Moral und der politischen Ordnung. Robespierre agiert in der Rolle eines Schiedsrichters der Revolution. F&uuml;r seinen Angriff auf die dantonistische Fraktion greift er auf das bew&auml;hrte und noch immer wirksame Feindbild des Aristokratismus zur&uuml;ck, wobei er immerhin die moralische Perspektive in Gestalt der Lasterkritik auf einen materiellen Bereich &uuml;bertr&auml;gt. Seine Kritik am aufwendigen Lebensstil der b&uuml;rgerlichen Revolutionsgewinnler erfasst pr&auml;zise die latent parasit&auml;ren Elemente im epikur&auml;ischen Programm der Dantonisten und bezichtigt diese offen einer &quot;Auspl&uuml;nderung des Volkes&quot; (16). Der Ruf der Gem&auml;&szlig;igten nach einer Beendigung des Blutvergie&szlig;ens wird von Robespierre als Position der Schw&auml;che gegei&szlig;elt, die die Sache der Revolution akut gef&auml;hrdet. Umrisshaft zeichnet sich hier das Konzept einer demokratisch legitimierten Diktatur ab. &quot;Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei&quot; (15). Erst die in der Revolutionsregierung verk&ouml;rperte Symbiose von Tugend und Schrecken, die sich abstrakt auf das Gesetz, den allgemeinen Willen des Volkes, berufen kann, sichert in Robespierres Augen die Errungenschaften der Revolution und schafft die Voraussetzungen f&uuml;r ihre erfolgreiche Beendigung. Die Begrenztheit der robespierristischen Position zeigt sich dennoch klar in der spiritualistischen &Uuml;berformung sozialer Widerspr&uuml;che und in der mangelnden F&auml;higkeit, gesellschaftliche Beziehungen in sozialen Kategorien zu erfassen und nach Ma&szlig;gabe eines politischsozialen Programms aktiv zu gestalten. Die zeitlich begrenzte Koalition mit der Volksbewegung gewinnt dadurch einen vorwiegend taktischen Charakter. Die &quot;soziale Revolution&quot; (24) erscheint im Kontext des Dramas als blo&szlig;es Lippenbekenntnis. Sie wird durch die Beseitigung der H&eacute;bertisten in Frage gestellt und scheitert am Problem des Eigentums.</p>
<p>So zeitgem&auml;&szlig; die jakobinische Theorie einer Revolutionsregierung und die demokratisch legitimierte Institutionalisierung der Gewalt auch anmutet &#8211; im Hinblick auf die Erfordernisse einer sozialen Revolution des Volkes erscheint Robespierres Tugendreligion als ideologisch motivierte Anma&szlig;ung, die staatliche Gewaltherrschaft aber als ein kaltbl&uuml;tig inszeniertes Massenopfer, das &#8211; weit entfernt von den gesellschaftlichen Ursachen revolution&auml;rer Gewalt nur mehr auf deren vordergr&uuml;ndige Wirkung setzend &#8211; am Ende allein dem Machterhalt der jakobinischen F&uuml;hrungsclique dienlich ist. Wie gro&szlig; der ideologische Bedarf der jakobinischen Revolutionsregierung ist, verdeutlicht die Rede St. Justs vor dem Konvent (43 ff.). In &quot;allgemeinen Betrachtungen&quot; bezieht er hier das Gewaltproblem der Revolution auf die &quot;Gesetze&quot; von Natur und Geschichte. Das Allgemeine erweist sich jedoch als ein idealistisches Konstrukt, das der Natur einen Zweck und der Geschichte einen Sinn unterstellt und so die gewaltsame Vernichtung der individuellen Existenz legitimiert. Kein Geringerer als der &quot;Weltgeist&quot; selbst f&uuml;hrt die Arme des Henkers bei seinem blutigen Gesch&auml;ft. Der massenhafte Tod der vielen einzelnen erscheint als politische Krankheit, die Revolution als Seuche, die den Fortschritt der Menschheit bef&ouml;rdert. Die m&ouml;rderischen Analogien St. Justs gr&uuml;nden die revolution&auml;re Anwendung von Gewalt nicht auf den politischsozialen Prozess der Umw&auml;lzung selbst, sondern ausdr&uuml;cklich auf die &quot;Idee&quot; als Vermittlungsform eines abstrakten Allgemeinen, das die Vernichtung des Besonderen bewusst in Kauf nimmt. Die theoretisch abgeleiteten Schl&uuml;sse des Chefideologen der jakobinischen Revolutionsregierung stehen in scharfem Kontrast zu der spontanen Logik revolution&auml;rer Gewalt, wie sie zu Beginn des Dramas demonstriert wird (10; 12). Hier wird der Einsatz der Gewalt urs&auml;chlich mit dem materiellen Elend des Volkes in Verbindung gebracht. Das Erfahrungswissen des Volkes entbindet eine soziale Kausalit&auml;t, deren praktische Schl&uuml;sse auf eine konkrete Abhilfe, auf die L&ouml;sung des sozialen Problems gerichtet sind. St. Just dagegen legitimiert die Gewalt mit Hilfe einer logischen Entfaltung der Implikationen eines politischmoralischen Grundrechts der Revolution: &quot;Da alle unter gleichen Verh&auml;ltnissen geschaffen werden, so sind alle gleich, die Unterschiede abgerechnet, welche die Natur selbst gemacht hat; es darf daher jeder Vorz&uuml;ge und darf daher keiner Vorrechte haben, weder ein einzelner noch eine geringere oder gr&ouml;&szlig;ere Klasse von Individuen. &#8211; Jedes Glied dieses in der Wirklichkeit angewandten Satzes hat seine Menschen get&ouml;tet. Der 14. Juli, der 10. August, der 31. Mai sind seine Interpunktionszeichen.&quot; (44.) Das Bild einer &quot;Grammatik der Revolution&quot; verdeutlicht den wirklichkeitsfernen Schematismus, der einer politischen Applikation des theoretisch eingef&uuml;hrten Gleichheitsprinzips anhaftet. Beinahe unmerklich wechselt das logische Verfahren sein Bezugsfeld und wird in den Bereich eines wirklichkeitsindifferenten formalen Regelsystems &uuml;berf&uuml;hrt. Hier wird ein sozial abstraktes, formalistisches politisches Ordnungsdenken sichtbar, das die Legitimationsproblematik revolution&auml;rer Gewalt geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht die Legitimation von Gewalt, sondern die Legitimation durch Gewalt wird zum Hauptgesch&auml;ft der b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;re. Die Revolution erstarrt zu einem politischmoralischen Ordnungsmodell, das die Gewalt braucht, um sich rechtfertigen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Das abstrakte und tendenziell idealistisch begr&uuml;ndete Gesetz der Vernichtung nobilitiert seinen Erfinder, den Ideologen der b&uuml;rgerlichen Revolution, als quasi nat&uuml;rlichen Vollstrecker des historischen Fortschritts.</p>
<p>St. Justs rhetorisch zelebrierte Orgie der Vernichtung bringt wider Willen den blutigen Kreislauf der b&uuml;rgerlichen Revolution an den Tag: die Revolution muss unter moralischen Vorzeichen gewaltsam verl&auml;ngert werden, weil sie als soziale Revolution nicht vollendet werden kann. W&auml;hrend St. Just die Identifikation mit der Rolle des Vollstreckers gelingt, machen sich bei Robespierre bereits erhebliche Zweifel am Sinn und an der Notwendigkeit des revolution&auml;ren Blutgerichts bemerkbar. In den beiden Monologen, die auf die Gespr&auml;che mit Danton und St. Just folgen (25 f.; 28), hat der Revolutionsf&uuml;hrer M&uuml;he, dem selbst auferlegten Rechtfertigungszwang gerecht zu werden. Programmatische Phrasen, die nur zu deutlich der eigenen Beruhigung dienen, stehen im Wechsel mit bohrenden Selbstzweifeln eines aufgeschreckten Gewissens, das das eigene Handeln nicht mehr als verl&auml;ngerten Arm des Weltgeistes zu deuten vermag. Als pers&ouml;nlich zu verantwortendes Tun wird es zunehmend von der Kategorie der Schuld erfasst. Zumindest im Ansatz sind somit die Aporien politischen Handelns in der b&uuml;rgerlichen Revolution, die besonders Danton thematisiert und reflektiert, auch bei Robespierre erkennbar. Die Vermittlung subjektiven Handelns mit dem vermeintlich objektiven Sinn des revolution&auml;ren Geschehens &#8211; sie vermag selbst dem &quot;Blutmessias&quot;, Opferer und Opfer zugleich, nicht zu gelingen.</p>
<p>Der politische Diskurs in Dantons Tod begn&uuml;gt sich nicht mit der versch&auml;rfenden Rekonstruktion der immanenten Widerspr&uuml;che der robespierristischen Position. Ihre offensichtlichste Desavouierung erf&auml;hrt die jakobinische Politik auf der Handlungsebene des St&uuml;cks. Von St. Just als historische Notwendigkeit gepriesen, realisiert sich die Liquidierung der dantonistischen Fraktion weit eher als politisches Verbrechen. Die &quot;List der revolution&auml;ren Vernunft&quot; bedient sich skrupellos krimineller Manipulation und der Intrige.</p>
<p>In St. Just findet der &quot;Despotismus der Freiheit&quot; seinen politischen Demagogen und einen Intriganten, der den Vergleich mit den Schergen absolutistischer Willk&uuml;r nicht zu scheuen braucht. Von Anfang an sinnt er darauf, die Ausschaltung des popul&auml;ren Gegners im rechten Licht erscheinen zu lassen: &quot;Wir m&uuml;ssen die gro&szlig;e Leiche mit Anstand begraben, wie Priester, nicht wie M&ouml;rder; wir d&uuml;rfen sie nicht verst&uuml;mmeln, alle ihre Glieder m&uuml;ssen mit hinunter&quot; (27). Der Ankl&auml;ger und der Pr&auml;sident des Revolutionstribunals &#8211; vermeintlich die Speerspitze der bewaffneten Tugend &#8211; bereiten die Untersuchung gegen die Dantonisten als eine Art Schauprozess vor. Die betr&uuml;gerische Auswahl der Geschworenen und die gleichzeitige Verhandlung gegen die &quot;F&auml;lscher&quot; und die &quot;Fremden&quot; dienen der gezielten Denunziation der politischen Gefangenen, deren Beseitigung vor dem Volk gerechtfertigt werden muss. Die Kolportierung eines offensichtlich fingierten Fluchtkomplotts der Dantonisten dient der massiven Beeinflussung der Geschworenen und sorgt mit dem Ausschluss der Angeklagten von der Verhandlung f&uuml;r deren sichere Verurteilung zum Tod. Die Liquidierung der Dantonisten entlarvt die erb&auml;rmliche Praxis der jakobinischen Tugenddiktatur.</p>
<p>Eine wirksame Diskreditierung erf&auml;hrt die robespierristische Position schlie&szlig;lich durch das Verhalten derer, die sie vertreten. Der von Robespierre beanspruchte Standort &uuml;ber den gesellschaftlichen Parteien, die angebliche soziale Neutralit&auml;t der Revolution liefert diese der zynischen Willk&uuml;r einer kleinen Clique aus, die die politischen Schaltstellen nach Ma&szlig;gabe privater, egoistischer Motive in Anspruch nehmen. Die private Aneignung der revolution&auml;ren Terreur wird zugespitzt erkennbar in der Absicht Dumas&#8217;, eines der Pr&auml;sidenten des Revolutionstribunals, seine Ehescheidung mit Hilfe der Guillotine zu vollziehen (65). Die Szene im Wohlfahrtsausschuss (III,6) demonstriert die willk&uuml;rliche und menschenverachtende Handhabung der &ouml;ffentlichen Gewalt im jakobinischen Lager. Zynische Verachtung trifft die kranken oder dem Tod geweihten Gefangenen sowie die Schwangeren, deren Hinrichtung der Revolution Kinders&auml;rge erspare. Die despotische Willk&uuml;r des B&uuml;rgers bei der Beantwortung von Bittgesuchen steht der Tyrannei des f&uuml;rstlichen Absolutismus in nichts nach. Die Anspielung auf Lessings Emilia Galotti spielt bewusst die b&uuml;rgerliche Ideologie gegen deren inhumane Praxis aus. Robespierres Tugendmodell der Revolution verf&auml;llt einhellig dem Spott seiner Anh&auml;nger.</p>
<p>Wie Danton die Tugendhaftigkeit des Volkes auf die Deformation seiner Genussorgane zur&uuml;ckf&uuml;hrt, so deuten die Robespierristen das Keuschheitsgebot ihres Anf&uuml;hrers als Ausdruck sexueller Impotenz. Der obsz&ouml;ne Diskurs und die im Wohlfahrtsausschuss verabredete Lustreise nach Clichy stiften &uuml;ber die politischen Grenzen hinweg Gemeinsamkeiten in der Lebenspraxis der b&uuml;rgerlichen Revolutionsgewinnler. Die unerwartete N&auml;he von Robespierristen und Dantonisten verleiht Dantons Diktum &quot;Es gibt nur Epikureer&quot; (25) einen pr&auml;zisen sozialen Sinn. Der &ouml;ffentliche Handlungsraum der b&uuml;rgerlichen Revolution wird im politischen Diskurs des Dramas als ein ideologischer ausgewiesen. Am Ende sind sowohl Robespierres als auch Dantons Partei gr&uuml;ndlich diskreditiert: Nicht nur bleiben die b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;re und ihre Handhabung der Gewalt ohne hinreichende Legitimation, auch ein positiver Ansatzpunkt politischen Handelns ist nicht zu erkennen. Der vergleichsweise vordergr&uuml;ndige Konflikt zwischen Tugend und Genussmodell der Revolution bleibt ohne Folgen f&uuml;r die notwendige soziale Revolution: er kaschiert den Prozess der Stabilisierung der b&uuml;rgerlichen Herrschaft und die mit ihm verbundene Entmachtung des Volkes, das der b&uuml;rgerlichen Revolution erst zum Sieg verholfen hat.<br />
Das Volk</p>
<p>Das Volk verbleibt als die einzige gesellschaftliche Gruppierung im Drama, die von ihrer Interessenlage her die Notwendigkeit einer sozialen Revolution begreifen und diese in die Tat umsetzen k&ouml;nnte. Das Volk ist das pr&auml;sumtive Subjekt einer Revolution, die das Postulat der Gleichheit in seinem umfassenden Sinn als praktische Aufhebung materieller und geistiger Benachteiligung in die Wirklichkeit &uuml;berf&uuml;hrt.</p>
<p>Mit der Darstellung des Volkes versucht B&uuml;chner im Rahmen der von der Gattung gesetzten Grenzen, die empirischen Bedingungen zu ermitteln, die das Volk hindern, seine Rolle als kollektives Subjekt einer sozialen Revolution wahrzunehmen. Die Darstellung des Volkes verf&auml;hrt daher keineswegs idealisierend, sondern zeigt schonungslos die verheerenden Folgen materieller Verelendung und geistiger Unterdr&uuml;ckung. Der Hunger treibt das Volk zu spontanem politischen Handeln (11 f.); er motiviert die mitleidlose materielle Ausbeutung des organisierten Schreckens (eindringlich gestaltet in den Fuhrleuten des Todes, 69) und bestimmt schlie&szlig;lich die Haltung des Volkes als Publikum vor dem Blutger&uuml;st der Revolution. (74 f.) Die Prostitution ist die beherrschende soziale Beziehungsform des Volkes zu den b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;ren. Von der Tochter des Souffleurs Simon &uuml;ber die Grisetten im Palais royal und in Clichy bis hin zu den Weibern auf dem Platz vor der Conciergerie, die auf die dantonistischen Gefangenen wie auf &quot;alte Kunden&quot; warten (69): Die Prostitution l&auml;sst die gesellschaftliche Beziehung des B&uuml;rgertums zum Volk sinnf&auml;llig werden. Der parasit&auml;re Charakter der b&uuml;rgerlichen Revolution tritt deutlich hervor, wenn die Revolutionsgewinnler sich am Volk, dem Motor der Revolution, als an ihrem k&uuml;nftigen Opfer schadlos halten. Erzwungen wird freilich nicht allein der Verkauf des K&ouml;rpers; Ausbeutung und Korruption erfassen ebenso die Sph&auml;re des Bewusstseins und damit die politische Willensbildung im Volk. Ein schlagendes Beispiel f&uuml;r die ideologische Abrichtung des Volkes, die mit der Manipulation von Sprechen und Denken entschieden dessen Realit&auml;tswahrnehmung tangiert, ist der Souffleur Simon (9 ff.). Literarische Zitate, R&ouml;merposen und leere heroische Gesten verhindern bei Simon eine realistische Einsicht in die eigene Misere. Die Identifikation mit den tragischen Heldenrollen in Literatur und Geschichte, die der Souffleur auf die aktuelle Folie des robespierristischen Tugendkultes bezieht, f&uuml;hrt zu einer Verdr&auml;ngung der sozialen Realit&auml;t bzw. zu deren Neuinterpretation im Kontext eines moralischen Heroismus. Aber selbst dort, wo eine realistische Haltung im Volk vorherrscht, bleibt die von den b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;ren betriebene ideologische Transformation sozialer Widerspr&uuml;che nicht ohne Wirkung. In seiner Frau und in den drei B&uuml;rgern findet Simon zun&auml;chst ein kritisches Korrektiv. Diese sehen in der Prostitution kein Sittlichkeitsdelikt, sondern die unvermeidliche Folge einer vom Elend erzwungenen Arbeit &quot;mit allen Gliedern&quot; (10). Der erste B&uuml;rger stellt Simons moralische Argumentation vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e.</p>
<p>Der revolution&auml;re Zorn des Volkes richtet sich nicht gegen die Hure, sondern gegen den, der sie zur Hure macht.</p>
<p>Weh &uuml;ber die, so mit den T&ouml;chtern des Volkes huren! Ihr habt Kollern im Leib, und sie haben Magendr&uuml;cken; ihr habt L&ouml;cher in den Jacken, und sie haben warme R&ouml;cke; ihr habt Schwielen in den F&auml;usten, und sie haben Samth&auml;nde. Ergo, ihr arbeitet, und sie tun nichts; ergo, ihr habt&#8217;s erworben, und sie haben&#8217;s gestohlen; ergo, wenn ihr von eurem gestohlnen Eigentum ein paar Heller wiederhaben wollt, m&uuml;sst ihr huren und betteln; ergo, sie sind Spitzbuben, und man muss sie totschlagen! (10.) In diesem primitiven dichotomischen Modell gesellschaftlicher Beziehungen findet mit dem Gegensatz von Arbeit und Genuss der Klassenwiderspruch eine erste Formulierung. Das Volk als arbeitendes Kollektiv beginnt sich als eigenst&auml;ndige Gruppe nach au&szlig;en abzugrenzen: gegen Reichtum und Genuss, gegen die Emigranten, aber auch schon gegen&uuml;ber den Gebildeten (11). Die Frontlinie der sozialen Revolution verl&auml;uft quer zu der der b&uuml;rgerlichen. Die Geschichte der Revolution &#8211; der Kampf gegen die Aristokraten, gegen das Veto des K&ouml;nigs und gegen die Gironde (ebd.) &#8211; bezeugt, dass das Volk bislang nicht zu ihren Nutznie&szlig;ern geh&ouml;rt hat: Der Hunger besteht fort. Die soziale Erkenntnis des Volkes ist von einer unmittelbar praktischen Qualit&auml;t und nicht etwa einer Theorie gesellschaftlicher Widerspr&uuml;che geschuldet.</p>
<p>Sie verdankt sich einem in der Lebenswelt des Volkes ausgebildeten sozialen Instinkt, der sich in vereinzelten spontanen Aktionen gewaltsam entl&auml;dt.</p>
<p>Diese praktische Erkenntnis, die exemplarisch in der abgebrochenen Laternisierung des jungen Aristokraten vorgef&uuml;hrt wird, f&auml;llt dem rhetorischen Eingriff Robespierres zum Opfer, der sie ideologisch &uuml;berformt, und, dem Souffleur Simon nicht un&auml;hnlich, auf einen moralischen und politischen Diskurs &uuml;ber die Gewalt und das tugendhafte Volk zur&uuml;ckbezieht.</p>
<p>Das Volk f&auml;llt so am Ende der Szene dem eigenen Kult zum Opfer. Auch die Szene vor dem Justizpalast (III,10) zeigt weniger die Wankelm&uuml;tigkeit des Volkes, als seine Unf&auml;higkeit, sich der ideologischen Transformierung vorhandener sozialer Widerspr&uuml;che zu erwehren. Dabei wird zu Beginn der Szene die soziale Funktion der b&uuml;rgerlichen Terreur pr&auml;gnant erfa&szlig;t: &quot;Ja, das ist wahr, K&ouml;pfe statt Brot, Blut statt Wein&quot; (64). Die Argumentation des Zweiten B&uuml;rgers kn&uuml;pft geschickt an den sozialen Instinkt des Volkes an. Die materielle Auswertung der Anklage gegen Danton muss das Volk zur Parteinahme gegen ihn f&uuml;hren.</p>
<p>Die Verurteilung Dantons geht jedoch &#8211; unn&ouml;tigerweise &#8211; mit einer Parteinahme f&uuml;r dessen b&uuml;rgerlichen Gegner Robespierre einher.</p>
<p>Es zeigt sich, dass das Volk dort an seine Grenze st&ouml;&szlig;t, wo es auf die eigenst&auml;ndige politische Formulierung seiner sozialen Interessen ankommt. Unkritisch &uuml;bertr&auml;gt es seine Sympathien von Danton auf Robespierre: es sitzt damit dem ideologisch motivierten b&uuml;rgerlichen Schaukampf auf, der wirkliche Opfer fordert und unn&ouml;tig gesellschaftliche Energien verzehrt, obwohl er nichts zur L&ouml;sung der dr&auml;ngenden sozialen Probleme beitr&auml;gt.</p>
<p>Das Volk in Dantons Tod formiert sich spontan, situationsbezogen und damit jeweils nur f&uuml;r kurze Zeit als Klasse im politischen Sinn. Konkrete Ans&auml;tze zu einer dauerhaften Organisation der sozialen Interessen im Volk sind im Drama &#8211; im Gegensatz zur historischen Realit&auml;t der Franz&ouml;sischen Revolution &#8211; nicht auszumachen. B&uuml;chner hat die Volksbewegung der Sansculotten kaum ber&uuml;cksichtigt; auch die H&eacute;bertisten als Vertreter eines volksnahen sozialradikalen Fl&uuml;gels der Revolution spielen nur eine untergeordnete Rolle f&uuml;r den politischen Diskurs in Dantons Tod. Damit erscheint der Abstand zwischen dem Volk und der rein b&uuml;rgerlichen F&uuml;hrung der Revolution noch gr&ouml;&szlig;er. Die mangelnde F&auml;higkeit des Volkes zu einer wirksamen politischen Wahrnehmung seiner Interessen wird auf diese Weise sichtbar gemacht &#8211; nicht weniger freilich die Gefahr, die dem Volk aus der b&uuml;rgerlichen Organisation der Revolution erw&auml;chst. Den aktuellen politischen Erfahrungsgehalt dieser Erkenntnis hat B&uuml;chner bereits in einem Brief vom 9. November 1833 formuliert: &quot;Die politischen Verh&auml;ltnisse k&ouml;nnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die F&uuml;rsten und Liberalen ihre Affenkom&ouml;die spielen.&quot; Die Darstellung des Volkes hebt die Negativit&auml;t des politischen Diskurses in Dantons Tod nicht auf. Allenfalls implizit, das hei&szlig;t im Modus der Kritik, sind Ans&auml;tze zu einer politischen Strategie zu erkennen, die geeignet w&auml;re, die soziale Revolution zu bef&ouml;rdern. Eine Konkretisierung dieser Strategie h&auml;tte nicht nur das historische Modell der Franz&ouml;sischen Revolution, sondern auch seine aktuelle Applikation &uuml;berfordert. Eine politische Strategie der sozialen Revolution muss am revolution&auml;ren Gegensatz von Arm und Reich ansetzen. Dieser Klassenwiderspruch, der das B&uuml;rgertum eindeutig als politischen Gegner ausweist, ist der Ausgangspunkt f&uuml;r eine revolution&auml;re Umw&auml;lzung, die die soziale Emanzipation des Volkes anstrebt. Die Revolution ist daher eine Sache des Volkes; die sozialen Interessen entstehen in seiner Lebenswelt und d&uuml;rfen nicht mit Hilfe von &quot;Ideen&quot;, durch abstrakte Konzepte aus Moral, Philosophie oder Politik, ideologisch transformiert werden. Die &quot;Bildung eines neuen geistigen Lebens&quot; muss, so B&uuml;chner noch 1836 in einem Brief an Gutzkow, &quot;im Volk&quot; selbst gesucht werden. B&uuml;chner bricht radikal mit der politischen Kultur des B&uuml;rgertums.</p>
<p>Die &quot;abgelebte moderne Gesellschaft&quot; und die ihr zugeh&ouml;rigen ideologischen Vermittlungsformen haben in seinen Augen ausgespielt. Die politische Organisation einer k&uuml;nftigen Revolution muss an den spontanen revolution&auml;ren Aktionen des Volkes selbst ansetzen. Robespierres bevormundende Feststellung, dass das Volk &quot;nur durch [.. .] eigne Kraft&quot; fallen kann (12), bedarf der revolution&auml;ren Umkehrung: Das Volk kann seine Befreiung nur durch eigene Kraft ins Werk setzen. Der politische Diskurs des Dramas l&auml;sst jedoch keine Zweifel zu: Das Volk als handlungsf&auml;higes Subjekt, die Bedingung der M&ouml;glichkeit einer sozialen Revolution, ist nicht auszumachen. Der dramatische Perspektivismus wird in Dantons Tod konsequent durchgehalten. Keine der sozialen und politischen Gruppierungen erf&auml;hrt eine Bevorzugung; keiner Position kommt &#8211; etwa durch eine st&auml;rkere Identifikation des Autors &#8211; ein gr&ouml;&szlig;eres Ma&szlig; an Verbindlichkeit zu. Dieser radikale Perspektivismus hat bei der Rezeption des Dramas auf dem Theater und in der B&uuml;chner-Forschung bis in die j&uuml;ngste Zeit hinein irritierend gewirkt. Als politisches Drama praktiziert Dantons Tod Ideologiekritik. Der politische Diskurs ist von einem skeptischen Realismus getragen. Obwohl das Drama keinerlei konkrete Perspektive auf der Ebene des politischen Handelns erkennen l&auml;sst, h&auml;lt es den Anspruch auf eine soziale Revolution im Sinne des Volkes unbeirrt aufrecht. Als dramatisches Denkspiel &uuml;berf&uuml;hrt Dantons Tod den politischen Diskurs in einen historischen, der die Bedingungen und M&ouml;glichkeiten politischen Handelns im geschichtlichen Raum auslotet.<br />
Realistische Kunst und das Theater der Wirklichkeit</p>
<p>Geschichte, Religion und Literatur stellen den Protagonisten des Revolutionsdramas ein Repertoire von Rollen und Verhaltensmustern zur Verf&uuml;gung, die eine stilisierende Vermittlung des eigenen und eine Deutung fremden politischen Handelns erlauben. Den gr&ouml;&szlig;ten Anteil an den auff&auml;llig zahlreichen literarischen und historischen Anspielungen und Zitaten hat die Welt der Antike. Das gilt f&uuml;r das griechische Kost&uuml;m der Dantonisten nicht weniger als f&uuml;r die r&ouml;mische Toga ihrer Gegner im jakobinischen Lager. Die antiken Zitate verdichten sich tendenziell zu einem eigenst&auml;ndigen Code der politischen Kommunikation. Die Selbst und Fremdwahrnehmung der politischen Akteure im Drama greift konsequent auf die normativ hochbesetzten heroischen Deutungs- und Legitimationsmuster der Antike zur&uuml;ck. Gegen die auf ihn gem&uuml;nzte taciteische Tyrannenschelte setzt Robespierre Sallusts Verschw&ouml;rung des Catilina (16), die in der Tat das Legitimationsmodell f&uuml;r die Liquidierung der dantonistischen &quot;Konspiration&quot; abgeben wird. Der Dolch des Brutus wechselt gar die Seiten: Dantons Kampf gegen die jakobinische Diktatur soll er zur Hand gehen (29), aber auch St. Just reklamiert ihn f&uuml;r den Kampf der &quot;Feinde der Tyrannei [.. .] in Europa und auf dem ganzen Erdkreise&quot; (45). Das Volk erscheint im mythischen Denken der b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;re als &quot;Minotaurus&quot; (18), die Revolution dagegen &quot;wie Saturn, sie frisst ihre eignen Kinder&quot; (22). Das integrative Bezugsmodell f&uuml;r die im Zitat angeeigneten Rollen und Verhaltensmuster ist die Theatermetapher, die das Handeln, besonders das Handeln im &ouml;ffentlichen Raum, als Rollenhandeln ausweist. Die Revolution selbst erscheint im Horizont der Theatermetaphorik als politische Inszenierung, als die kollektive Auff&uuml;hrung eines vorbestimmten dramatischen Texts. Robespierre beschw&ouml;rt in seiner Anklage gegen die H&eacute;bertisten &quot;das erhabne Drama der Revolution&quot; (14 f.), und besonders Danton begreift und reflektiert den politischen Handlungsraum der Revolution im Bild des Welttheaters. Die Welt als Theater, der Mensch als Rollentr&auml;ger, sein Handeln als fremdbestimmtes Spiel: der Topos des Welttheaters ist &quot;immer schon als Aussage dar&uuml;ber zu lesen, was Wirklichkeit ist.&quot; B&uuml;chner fand die Theatermetaphorik in den Quellen zur Geschichte der Franz&ouml;sischen Revolution vor. Ihr Einsatz im Drama legt gezielt den ideologischen Gehalt tradierter literarischer und historischer Muster frei, wobei die Kritik prim&auml;r die gesellschaftliche Wirksamkeit der erborgten Rollen und Handlungskonzepte erfasst. Aus dem anachronistischen Repertoire der klassischen Muster speist sich die historisch unangemessene politische Stilisierung der revolution&auml;ren F&uuml;hrer, und noch die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Bewusstsein der &quot;kleinen Leute&quot; ist durch eine Theatralisierung der Politik bestimmt. Karl Marx hat in seiner Analyse des 18. Brumaire die ideologische Funktion dieser heroischen Kost&uuml;mierung nachgewiesen und den Totendienst der b&uuml;rgerlichen Revolutionshelden scharf kritisiert.</p>
<p>&quot;Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit sch&ouml;pfen, sondern nur aus der Zukunft.&quot; Die Theatermetaphorik in Dantons Tod erf&uuml;llt eine doppelte Aufgabe: sie demonstriert die ideologische Verblendung der politischen Akteure, kritisiert aber mit der Theatralisierung der Politik zugleich eine &auml;sthetisierende Aneignung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Im Drama erscheint die Theatermetapher als potenziertes Zitat: zitiert wird das historisch verb&uuml;rgte Zitat, wobei der Akzent weniger auf dem Zitierten als auf dem Gestus des Zitierens liegt. Als Geschichtszitat problematisiert die Theatermetaphorik in Dantons Tod historisch dominante Formen der Wirklichkeitsaneignung; dabei erscheint das Theater nicht so sehr als Kunst, sondern als eine Vermittlungsform gesellschaftlicher Realit&auml;t. Als Metapher f&uuml;r die Produktion und Rezeption von Wirklichkeitsbildern steht das Theater f&uuml;r einen spezifisch defizit&auml;ren Zugang zur gesellschaftlichen Realit&auml;t.</p>
<p>Mit dem potenzierten Einsatz der Theatermetaphorik versch&auml;rft B&uuml;chner die Ideologiekritik des politischen Diskurses und &uuml;berf&uuml;hrt diese zugleich in eine fundamentale Kritik der gesellschaftlichen Produktion von Wirklichkeit. Die Aporien des politischen Handelns werden &uuml;ber ihre ideologische Begr&uuml;ndung hinaus auf elementare Formen der Aneignung von Realit&auml;t zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Die Kunstfigur Simon, mit der B&uuml;chner die Grenzen eines realistischen Figurenkonzepts bewusst &uuml;berschreitet, demonstriert die fatalen Folgen einer universalen Theatralisierung der Wirklichkeit. Die komische Diskrepanz resultiert nicht allein aus der unfreiwilligen Verwechslung der zitierten Rollen, sie ergibt sich ebenso aus dem l&auml;cherlichen Verfehlen der lebensweltlichen Realit&auml;t.</p>
<p>Der betrunkene Souffleur, der die der Not geschuldete Prostitution seiner Tochter auf der Folie antiker und b&uuml;rgerlicher heroischer Muster stilisiert (Kabale und Liebe, Virginia-Motiv, Emilia Galotti, Lukretia, Philemon und Baucis, Porcia, Hamlet), setzt einen bezeichnenden Rahmen f&uuml;r den anschlie&szlig;enden &quot;Auftritt&quot; Robespierres. Die pathetische Geb&auml;rde, die der Politiker Robespierre dem &quot;erhabnen Drama der Revolution&quot; schuldig zu sein glaubt, erscheint vor diesem Hintergrund erborgt, hohl und unzeitgem&auml;&szlig;. Die &uuml;berraschende N&auml;he zwischen dem berufsm&auml;&szlig;igen Ein und Vorsager und dem jakobinischen Revolutionsf&uuml;hrer wird an anderer Stelle best&auml;tigt: Bei der Verhaftung Dantons (40), die Simon mit Shakespeare-Reminiszenzen und gefl&uuml;gelten Worten aus den Befreiungskriegen aufpoliert, bedient sich der Souffleur der gleichen vaterl&auml;ndischen Rhetorik, die Robespierre in der folgenden Szene wirkungsvoll an das Ende seiner Rede vor dem Konvent setzt (43). Die Simon-Figur zeigt in komischer &Uuml;bertreibung einen theatralisch bedingten Wirklichkeitsverlust, der tendenziell alle politischen Akteure der b&uuml;rgerlichen Revolution bedroht. Erscheint die Theatermetaphorik bei Simon, und in gewisser Hinsicht auch bei Robespierre, in reflexionsloser Gestalt, so erf&auml;hrt sie bei Danton eine reflexive und kritische Wendung. Im Bild des Welttheaters thematisiert Danton die individuell erfahrene Entfremdung vom historischen Prozess der Revolution. Zugleich aber wird ihm die Theatermetapher zu einer avancierten Chiffre f&uuml;r die Wahrnehmung des eigenen Verlusts von Wirklichkeit: &quot;wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden&quot; (31). Keineswegs zuf&auml;llig findet das Bild vorn Revolutionstheater zuerst im Zusammenhang der &ouml;ffentlichen Spektakel des Todes Verwendung. Der Tod als &auml;u&szlig;erste menschliche Grenzerfahrung verst&auml;rkt den Bedarf an Sinn f&uuml;r die Lebensgeschichte der individuellen Existenz. Danton radikalisiert die Legitimationsproblematik gesellschaftlicher Sinnwelten, indem er, restlos desillusioniert, nach der Wirklichkeit der Wirklichkeit fragt. Im Bild des Welttheaters formuliert er die an sich selbst erfahrene Ohnmacht des Subjekts und die Fremdbestimmtheit des menschlichen Eingriffs in den historischen Prozess der Revolution: &quot;Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!&quot; (40. ) In der Todeszelle schlie&szlig;lich b&uuml;&szlig;en die &ouml;ffentlichen Rollen ihre letzte Legitimation ein. Hier ist es Camille, der die Maskenhaftigkeit der in der Phrase &uuml;berlebenden politischen Existenz seiner Freunde entlarvt: &quot;wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir s&auml;hen dann, wie in einem Zimmer mit Spiegeln, &uuml;berall nur den einen uralten, zahllosen, unverw&uuml;stlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger&quot; (72). Die forcierte Verwendung der B&uuml;hnen und Rollenmetapher signalisiert die Entfernung der Revolution&auml;re von der Revolution. In der Theatermetapher wird die Divergenz von geschichtlichem Prozess und individuellem Handeln festgehalten, aber nicht auf den Begriff gebracht. Ihre Verwendung indiziert also nicht nur hellsichtig das Fehlen historisch angemessener Formen politischen Handelns; sie zeugt zugleich vom Unverm&ouml;gen, diesen Mangel als politischen zu begreifen.</p>
<p>Noch die kritische Wendung, die die Theatermetaphorik bei Danton erf&auml;hrt, bezeichnet einen eingeschr&auml;nkten Bewusstseinsstand, der auf der Figuren und Handlungsebene des Dramas nirgends &uuml;berschritten wird.</p>
<p>Ihr Erkenntniswert bleibt begrenzt. Zwar erlaubt sie Danton zeitweise die Identifikation mit einer Zuschauerrolle im historischen Prozess, einer Rolle, die den aufgezwungenen Handlungsverzicht reflexiv zu bew&auml;ltigen versucht, doch fehlt Dantons Welttheater im Vergleich zu seinem barocken Vorg&auml;nger jede verbindliche Verankerung in einem transzendenten Sinnsystem.</p>
<p>Erweitert zum &quot;Spiel&quot;, bewirkt die Theatermetapher eine erneute, wenn auch reflektierte &Auml;sthetisierung der sozialen und politischen Wirklichkeit und verstellt letztlich den Weg von der Reflexion zur geschichtlich verantwortlichen Tat. Sie wirkt im Grunde als ein zus&auml;tzliches &quot;Quietiv&quot;.</p>
<p>Im Kost&uuml;m des Zuschauers bleibt Danton in den engen Grenzen des Bildes vom Revolutionstheater befangen. Erst im Horizont des eigenen Todes wird das Theater als metaphorisches Vehikel der Konstitution gesellschaftlicher Wirklichkeit ausdr&uuml;cklich au&szlig;er Kraft gesetzt. Die Kritik einer universalen Theatralisierung der Alltagswelt ist in einem neuen Wirklichkeitsbegriff fundiert, der im &auml;sthetischen Diskurs von Dantons Tod selbst entfaltet wird. Die Stra&szlig;enszene (&quot;Eine Promenade&quot;, II,2) verkn&uuml;pft auf subtile Weise den politischen und den &auml;sthetischen Diskurs des St&uuml;cks. Durch die Erweiterung der Theatermetaphorik zum Organ der Wirklichkeitskonstitution gewinnt auch die anschlie&szlig;ende kunsttheoretische Reflexion (35 f.) eine au&szlig;er&auml;sthetische Bedeutung. Die Stra&szlig;enszene f&uuml;hrt exemplarisch die lebensweltliche Funktion b&uuml;rgerlichidealistischer Kunst vor. In der Form eines hart gef&uuml;gten Simultantheaters verst&auml;rkt sich noch die bereits in den alltagsweltlichen Szenen angelegte Theatralik.</p>
<p>Ein &auml;sthetisierender Zugang beherrscht nicht nur die &Uuml;berlegungen zur republikanischen Namensgebung, die noch einmal den kultischen Ursprung der klassischen Muster und ihre N&auml;he zum Personenkult (Robespierre) illustrieren. Auch die stilisierte Abendstimmung und die idealisierende Verkl&auml;rung der Natur, die sich im Gespr&auml;ch der b&uuml;rgerlichen Dreiergruppe bemerkbar macht, greift auf literarische Muster der Wirklichkeitswahrnehmung zur&uuml;ck. Besonders deutlich bezeichnet der Dialog der beiden Herren die lebensweltliche Antithese von Kunst und Wirklichkeit. Das eitle Gerede von technischer Revolution und menschlichem Fortschritt erweist sich im Hinblick auf die Unf&auml;higkeit, eine banale Alltagssituation &#8211; die &quot;gef&auml;hrliche&quot; Pf&uuml;tze &#8211; zu bew&auml;ltigen, als haltloses Geschw&auml;tz. Die angenommenen Phrasen einer modernen Halbbildung k&ouml;nnen zudem durchaus mit einem pseudowissenschaftlichen Aberglauben &#8211; &quot;Ja, die Erde ist eine d&uuml;nne Kruste, ich meine immer, ich k&ouml;nnte durchfallen, wo so ein Loch ist&quot; (35) &#8211; bestehen. Die Lebensfremdheit des falschen Allgemeinen betrifft nicht minder die Kunst. Das Theater definiert sich geradezu &uuml;ber seine Distanz zur Lebenswelt. Die theatralisch angerichtete geistreichk&uuml;hne Verwirrung, die offenbar auf Unverst&auml;ndnis trifft und Schwindel ausl&ouml;st, wird zum bestimmenden Merkmal einer Kunst, deren Sch&ouml;pfung folgerichtig nur einem &quot;bizarren Kopf&quot; gelingen kann. Das b&uuml;rgerlichidealistische Theater, das hier karikiert wird, verdankt seine Triumphe einer kalkulierten Distanz zum Leben. Die in solcher Kunst vorgefundenen idealisierenden Konstitutionsformen von Wirklichkeit verfehlen zwar auf groteske Weise die Realit&auml;t, erlangen aber gleichwohl eine reale gesellschaftliche Wirksamkeit. Sie verhindern die Ausbildung eines praxisbezogenen Wirklichkeitssinns und damit jede realistische lebensweltliche Orientierung; sie verst&auml;rken im Gegenteil die Lebensunt&uuml;chtigkeit eines Publikums, das die Grenzen des Theaters auch im Leben nicht zu &uuml;berschreiten vermag. Indem die Stra&szlig;enszene die Entfernung von Kunst und Lebenspraxis vor Augen f&uuml;hrt, kritisiert sie nicht allein die tradierte Form des b&uuml;rgerlichen Theaters, sondern auch dessen prek&auml;re Wirkung. Mit der Kritik der Theatralisierung der Alltagswelt st&ouml;&szlig;t B&uuml;chner auf die fundamentale Erkenntnis der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit. Die historisch vorgefundene Theatermetaphorik und die im Zitat &uuml;berlieferten Lebensformen aus zweiter Hand demonstrieren exemplarisch die prinzipielle Vermitteltheit gesellschaftlicher Realit&auml;t. Das Bewusstsein erscheint als gesellschaftliches Produkt, ebenso aber die Wirklichkeit, auf die es sich richtet. In Dantons Tod werden dominante Formen der gesellschaftlichen Konstitution von Wirklichkeit kritisch &uuml;berpr&uuml;ft. B&uuml;chner setzt dabei bewusst an den tradierten Formen der Selbstdeutung der historischen Subjekte an. Das gilt f&uuml;r die das gesamte dramatische Werk des Autors bestimmende Sprachkritik nicht weniger als f&uuml;r die Theatermetaphorik, der im Revolutionsdrama ein besonderes Gewicht zukommt. Das Theater als Konstitutionsform gesellschaftlicher Wirklichkeit verbindet den politischen und den &auml;sthetischen Diskurs in Dantons Tod. Die Fundamentalkritik gesellschaftlicher Produktion von Wirklichkeit bestimmt daher auch das &quot;Kunstgespr&auml;ch&quot; (35 f.), das &#8211; in der Negation idealistischer Kunst &#8211; erste Ans&auml;tze einer politischen &Auml;sthetik des Realismus erkennen l&auml;sst. Camilles kunsttheoretischer Exkurs thematisiert die zuvor szenisch entfaltete Theatralisierung der Wirklichkeit. Mit der b&uuml;rgerlichidealistischen Kunst werden die ihr zugeh&ouml;rigen Rezeptionsformen kritisiert. Die vehemente Zur&uuml;ckweisung der herrschenden Kunstformen verweist implizit auf ein neues Konzept des &auml;sthetischen Realismus. &quot;Von der Sch&ouml;pfung, die gl&uuml;hend, brausend und leuchtend, um und in ihnen, sich jeden Augenblick neu gebiert, h&ouml;ren und sehen sie [die Leute] nichts&quot; (35). Die Aufgabe kommender Kunst w&auml;re die Ausbildung eines neuen Wirklichkeitssinns, der die gesellschaftliche Produktion einer Wirklichkeit bef&ouml;rdert, die in Camilles Bild von einem permanenten und allgegenw&auml;rtigen Prozess der Sch&ouml;pfung nur recht vage Umrisse gewinnt. Die neue Kunst betreibt eine gesellschaftliche Schulung der deformierten menschlichen Sinne; sie schult das genuin soziale Verm&ouml;gen, Wirklichkeit zu konstituieren.</p>
<p>Freilich kann die emphatische Beschw&ouml;rung der neuen Wirklichkeit f&uuml;r eine politisch fundierte Strategie des &auml;sthetischen Realismus kaum einstehen. Auch Dantons Kritik an dem sachlichunbeteiligten, emotionslosen politischen Naturalismus des Malers Jacques-Louis David gelangt &uuml;ber eine eher marginale Festlegung der realistischen Manier nicht hinaus. Es hat sich in der Forschung eingeb&uuml;rgert, die kunsttheoretische Reflexion in Dantons Tod um das Kunstgespr&auml;ch in B&uuml;chners Erz&auml;hlfragment Lenz zu erweitern und beide Textpassagen gemeinsam als das realistische Programm des Autors auszugeben. Selbst dann, wenn die methodische Crux dieses Verfahrens au&szlig;er Betracht bleibt (die Abstraktion vom &auml;sthetischfiktionalen Kontext, die Aufhebung der streng durchgehaltenen erz&auml;hlerischen bzw. dramatischen Perspektive), erscheint eine solche Bewertung fragw&uuml;rdig.<br />
Lenz&#8217; Position wird in der Erz&auml;hlung ausdr&uuml;cklich als eine historische eingef&uuml;hrt: &quot;Die idealistische Periode fing damals an.&quot; Das Konzept eines prononciert antiidealistischen Realismus ist einem noch unproblematischen, vergleichsweise naiven Wirklichkeitsbegriff verpflichtet.<br />
Die Nachahmungsvorstellung und der Rekurs auf die Mitleids&auml;sthetik kn&uuml;pfen durchsichtig an Positionen der Aufkl&auml;rung an, deren Reflexionsniveau B&uuml;chner l&auml;ngst &uuml;berschritten hat. Die an Beispielen entwickelte Realismuskonzeption untersch&auml;tzt nicht nur die Vermitteltheit gesellschaftlicher Realit&auml;t, sondern auch die Mittelbarkeit der Kunst, den konstruktiven Charakter eines &auml;sthetischen Realismus.</p>
<p>Ohne Zweifel besa&szlig; die in der Lenzfigur gestaltete Ablehnung idealistischer Verkl&auml;rung und die ungeschminkte, von der Liebe zur Menschheit getragene Darstellung &quot;der Wirklichkeit&quot; als historische Position B&uuml;chners Sympathie; nichts berechtigt aber zu der Annahme, hier h&auml;tte die politische &Auml;sthetik des Realismus, die B&uuml;chner als dr&auml;ngendes Gebot der eigenen Zeit praktisch entwickelt hat, eine programmatische Formulierung gefunden. B&uuml;chners Position ist keineswegs mit der von Lenz, Camille oder Danton identisch. Zwar thematisiert Camille in der Kritik der Theatralisierung der Wirklichkeit bereits den Wirklichkeitsbegriff, der dem neuen Realismuskonzept zugrunde liegt, doch findet dieses Konzept im Drama keine explizite programmatische Formulierung: Eingel&ouml;st wird es allein auf der Ebene der dramatischen Struktur. Das organisierende Prinzip der &auml;sthetischen Struktur von Dantons Tod ist, wie Albert Meier zu Recht festgestellt hat, die Negation vorgefundener Verzerrungen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Das geschichtliche Material, in dem mit den Selbstdeutungen der historischen Protagonisten zugleich herrschende Konstruktionsformen von Wirklichkeit &uuml;berliefert sind, wird so in den Text eingef&uuml;gt, dass sich seine immanente Widerspr&uuml;chlichkeit radikalisiert. Das Drama stellt ein musivisches Gebilde streng perspektivierter disparater Einzelmomente dar, deren widerspr&uuml;chlicher Zusammenhang sich erst in der eigenen Reflexion auf die Wirklichkeit der Wirklichkeit entdecken l&auml;sst. Der in der dramatischen Struktur objektivierte &auml;sthetische Realismus ist politisch fundiert, er ist direkt auf die ideologiekritische Intention und auf die Kritik der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit bezogen. Als Bezugsrahmen der politisch&auml;sthetischen Strategie des neuen Realismus fungiert eine praxisnah entwickelte Gesellschaftstheorie, die auf eine Beseitigung des Klassengegensatzes von Arm und Reich und auf die Aufhebung gesellschaftlich erzeugter Entfremdung gerichtet ist. Politische Theorie erscheint bei B&uuml;chner fast ausschlie&szlig;lich im Modus der Kritik; sie erm&ouml;glicht die bestimmte Negation der historisch vorgefundenen politischen und sozialen Ordnung. B&uuml;chners Realismus &uuml;berf&uuml;hrt eine strategisch wichtige, aber auf ihr idealistisches Gegen&uuml;ber negativ fixierte b&uuml;rgerliche Position der Kunst (Lenz, Camille, Danton) in eine neue, politisch fundierte &Auml;sthetik. Die Kunst steht im Dienst der sozialen Revolution, und Dantons Tod erscheint vor diesem Hintergrund als ein praktisches Manifest der neuen Kunst, die radikal mit der b&uuml;rgerlichen Tradition bricht. B&uuml;chners Theater hat ein anspruchsvolles Programm, denn es begn&uuml;gt sich nicht mit einer Kritik der Ideologie. Als Schule der Wirklichkeit will es ein neues &quot;Sehen und H&ouml;ren&quot; lehren, mit der Ausbildung realistischer Sinne die Voraussetzung f&uuml;r kollektives politisches Handeln, f&uuml;r die Verwirklichung einer sozialen Revolution schaffen.<br />
Dramatische Reflexion &uuml;ber Geschichte</p>
<p>Schon zu Beginn des Dramas erf&auml;hrt Danton den Prozess der Revolution als einen fremdbestimmten Vollzug, der unausweichlich das eigene Leben als Opfer fordert. F&uuml;r den Aktivisten der b&uuml;rgerlichen Revolution fielen einst der Sinn des eigenen Daseins und der Sinn des revolution&auml;ren Geschehens noch unproblematisch zusammen. Noch seine Reden vor dem Revolutionstribunal reklamieren vergeblich das Recht des Namens, den Anspruch der historischen Pers&ouml;nlichkeit. Als Opfer der Revolution verliert Danton eine Identit&auml;t, die sich ausschlie&szlig;lich aus dem politischen Handeln im &ouml;ffentlichen Raum speiste. Der subjektive Anspruch des Individuums geht im objektiven Sinn der Revolution nicht l&auml;nger auf. Der Sinnverlust erfasst nicht nur die Gegenwart, die die Einsicht in die historische Notwendigkeit des eigenen Todes fordert. Mit Hilfe der Theatermetapher reflektiert Danton vielmehr die prinzipielle Heteronomie geschichtlichen Handelns. Als gro&szlig; erscheint das historische Individuum in dem Ma&szlig;e, wie es als Werkzeug einem fremden Gesetz der Geschichte unterworfen ist. Historische Gr&ouml;&szlig;e ist also nicht l&auml;nger ein Attribut der Person, sie entspringt einer zuf&auml;lligen &Uuml;bereinstimmung mit dem Bed&uuml;rfnis einer eigenm&auml;chtig erscheinenden Geschichte. Wenn das politische Handeln im geschichtlichen Raum subjektiver Bestimmbarkeit entzogen ist, wird die Geschichtsm&auml;chtigkeit des Subjekts radikal in Frage gestellt. Die aus der Einsicht in die Aporien politischen Handelns resultierende Handlungsverweigerung setzt Danton frei f&uuml;r eine radikale Reflexion &uuml;ber Geschichte; er sucht nach einer Vermittlung von subjektivem Anspruch und objektivem Sinn, der in der Geschichte Gestalt gewinnt. Diese Suche aber ist identisch mit einem Prozess der Desillusionierung, der alle verf&uuml;gbaren Legitimationen politischen Handelns im Horizont der Geschichte restlos entwertet. Die geschichtliche Figur Danton war pr&auml;destiniert zum Tr&auml;ger des historischen Diskurses im Drama. Die dramatische Figur besa&szlig; f&uuml;r B&uuml;chner eine eminent wichtige strategische Bedeutung. Der Autor projizierte die im Verlauf der Winterkrise 1833/34 entstandenen Zweifel an der M&ouml;glichkeit eines sinnhaften subjektiven Eingriffs in den historischen Prozess in die Kunstfigur Danton. Die menschlichen Verh&auml;ltnisse, so B&uuml;chner im M&auml;rz 1834 in einem Brief an Minna Jaegl&eacute;, sind einer fremden unabwendbaren Gewalt unterworfen, die jede Selbstbestimmung als vermessen und absurd erscheinen l&auml;sst: &quot;Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Gr&ouml;&szlig;e ein blo&szlig;er Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein l&auml;cherliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das H&ouml;chste, es zu beherrschen unm&ouml;glich.&quot; Die Entdeckung des &quot;gr&auml;sslichen Fatalismus der Geschichte&quot; verdankt sich einem intensiven Studium der Geschichte der Revolution, in dessen Verlauf das b&uuml;rgerlichidealistische Geschichtskonzept, das noch die Sch&uuml;lerreden B&uuml;chners durchgehend beherrscht, aufgegeben werden muss. Die Existenz eines von der Intention handelnder Subjekte unabh&auml;ngigen historischen Verlaufs stellt das &uuml;berkommene, vom jungen B&uuml;chner noch in Anspruch genommene Legitimationsmodell der b&uuml;rgerlichen Geschichtsphilosophie in Frage: das gro&szlig;e Individuum, eine idealistische Handlungstheorie, das Konzept der &quot;Weltgeschichte&quot; und eine Fortschrittstheorie, die auch der Franz&ouml;sischen Revolution ihren legitimen Ort zuweist. Ein solches b&uuml;rgerlichidealistisches Geschichtskonzept wird in Dantons Tod bezeichnenderweise von St. Just (43 ff.) und &#8211; in Ans&auml;tzen &#8211; von dem Ersten Herren in der Stra&szlig;enszene (34) vertreten. Der historische Diskurs in Dantons Tod gewinnt seine Bedeutung auf drei Ebenen:</p>
<p>&nbsp;&nbsp; 1. Er erlaubt die &auml;sthetische Objektivation einer von B&uuml;chner selbst erfahrenen Krise historischen Denkens, jenseits des Handlungszwanges der politischen Arbeit, die der Autor auch nach dem FatalismusErlebnis verst&auml;rkt fortf&uuml;hrt. Die dramatische Reflexion der Krise ist dabei keineswegs identisch mit ihrer Aufhebung; der existentielle Grundzug der DantonFigur, die im Drama trotz ihrer politischen Borniertheit nicht denunziert wird, mag hierin eine Erkl&auml;rung finden.<br />
&nbsp;&nbsp; 2. Die selbstkritische Revision der eigenen geschichtsphilosophischen Position wird von B&uuml;chner in eine fundamentale Kritik der b&uuml;rgerlichidealistischen Geschichtsauffassung &uuml;berf&uuml;hrt. Der historische Diskurs des Dramas ist hierin dem &auml;sthetischen, der eine Kritik der b&uuml;rgerlichidealistischen Kunst betreibt, vergleichbar.<br />
&nbsp;&nbsp; 3. Ausgehend von dem unvermeidlichen Scheitern der sozialen Revolution und den unaufhebbaren Aporien politischen Handelns, sucht B&uuml;chner in Dantons Tod mit der transzendental gerichteten Reflexion &uuml;ber Geschichte nach der Bedingtheit menschlichen Handelns im historischen Raum. Die Entfremdung vom geschichtlichen Prozess der b&uuml;rgerlichen Revolution ist der geheime Bezugspunkt der fundamentalen Existenzkrise, die Danton im Drama durchlebt. Die mit der Dantonfigur thematisierten philosophischen Konzepte einschlie&szlig;lich des Nihilismus gewinnen keine eigenst&auml;ndige Funktion, sie entfalten ihre Bedeutung erst auf der Ebene des historischen Diskurses.</p>
<p>Die schon in der ersten Szene angelegte Problematisierung der Zeitkategorie, die den Anachronismus der eigenen Existenz in der Divergenz von historischer und pers&ouml;nlicher Zeit formuliert (8), wird zu Beginn des zweiten Aktes wieder aufgenommen. Camilles dr&auml;ngende Forderung: &quot;Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren&quot;, bescheidet Danton lakonisch: &quot;Aber die Zeit verliert uns&quot; (29). Die Langeweile und das Gef&uuml;hl eines Ennui sind unverkennbar Folgen des historischen Sinnverlusts der eigenen Existenz, der die Routine allt&auml;glicher Verrichtungen als absurd erscheinen l&auml;sst. Der pensionierte Revolution&auml;r findet die Ruhe nicht, die er vorgeblich sucht. Aus der Bahn der Geschichte geworfen, verf&auml;llt Danton dem Zweifel an ihrem Sinn wie am Sinn der menschlichen Existenz &uuml;berhaupt. In der Metapher des Welttheaters formuliert der resignierte Akteur die Entfremdung des Menschen vom geschichtlichen Prozess, und die Sinnlosigkeit der Geschichte wird unvermittelt auf die individuelle Existenz &uuml;bertragen: &quot;das ist mir der M&uuml;he zuviel, das Leben ist nicht die Arbeit wert, die man sich macht, es zu erhalten&quot; (31). Unterstellt Danton zun&auml;chst einen anthropologischen Defekt (30) als Ursache f&uuml;r die katastrophale Bilanz der menschlichen Geschichte, so gelangt er in der Stra&szlig;enszene zu einer grundlegenden Erweiterung der Anthropologie historischer Subjekte. &quot;Ich wittre was in der Atmosph&auml;re; es ist, als br&uuml;te die Sonne Unzucht aus. &#8211; M&ouml;chte man nicht drunter springen, sich die Hosen vom Leibe rei&szlig;en und sich &uuml;ber den Hintern begatten wie die Hunde auf der Gasse?&quot; (33.) Danton reklamiert in seinem vitalistisch anmutenden Protest die F&uuml;lle des Lebens gegen die zivilisatorische Einschr&auml;nkung der menschlichen Natur. Der subjektive Faktor erscheint damit in B&uuml;chners Revolutionsst&uuml;ck in einer neuen, antiidealistischen Gestalt. Die K&ouml;rperlichkeit, die Triebnatur und die Bed&uuml;rfnisse des Leibes werden in die Darstellung der historischen Akteure umfassend einbezogen. Aber der B&uuml;chners Zeitgenossen irritierende sexuellobsz&ouml;ne Diskurs dient nicht allein der Destruktion geschichtlicher Helden, er verleiht zugleich einer Revolte der Subjektivit&auml;t Ausdruck, die gegen den geschichtlichen Zwang das Recht auf die volle Entfaltung der menschlichen Natur setzt. Der Gestus des Obsz&ouml;nen demonstriert allerdings die spezifische Deformation einer gesellschaftlich tabuisierten Sinnlichkeit. Die Revolte bleibt eigent&uuml;mlich ziellos; sie wird im &quot;Lachen&quot; (34) aufgehoben, das aufs neue die absurde Dimension in der gesellschaftlichen Existenz des Menschen zum Vorschein kommen l&auml;sst.</p>
<p>Der ausdr&uuml;cklich als ziellos ausgewiesene Weg Dantons (36) findet seine Entsprechung in der verzweifelt kreisenden Bewegung der geschichtlichen Reflexion, die ihn umtreibt. Der Tod als nahende Aufhebung des Hier und Jetzt der individuellen Existenz gibt der Sinnsuche des politischen Flaneurs eine zunehmend r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Tendenz. Neben das kollektive Ged&auml;chtnis der Geschichte tritt unfreiwillig das private Ged&auml;chtnis des politischen Individuums, das dem Erinnerungszwang im Ged&auml;chtnisschwund des Todes zu entrinnen hofft. Die private Aneignung der politischen Existenz, die bereits Dantons Monolog auf dem &quot;freien Feld&quot; (II,4) bestimmt, verst&auml;rkt sich noch in dem unmittelbar folgenden Gespr&auml;ch mit Julie (II,5). So f&uuml;hrt der Sinnverlust der Geschichte im Fall der Septembermorde des Jahres 1792 zu einer Verzweiflung am eigenen politischen Handeln, das jetzt im Zeichen der Schuld vor der Instanz des Gewissens aufgerufen wird. In halluzinatorischen Phantasien von dem Schrei seiner Opfer verfolgt, erf&auml;hrt Danton im ertr&auml;umten Ritt auf der Erdkugel den &quot;gr&auml;sslichen Fatalismus der Geschichte&quot;. Die in beinahe katechetischer Form vorgenommene Entschuldung Dantons endet konsequent in einer Art Notwehrlegitimation (39). Ein universaler Befehlsnotstand bestimmt das Verh&auml;ltnis des Menschen gegen&uuml;ber dem &quot;ehernen Gesetz&quot; der Geschichte. Der Mensch ist das blinde Werkzeug einer historischen Notwendigkeit, die ihm in Form von Handlungszw&auml;ngen fremd und fordernd entgegentritt. Mit seiner negativen Reflexion &uuml;ber das &quot;Mu&szlig;&quot; der Geschichte formuliert Danton deutlich die Antithese zu der von St. Just vertretenen idealistischen Geschichtsphilosophie, die den historischen Prozess als eine fortschreitende Realisierung der Vernunft begreift. Diese Antithese ersch&ouml;pft sich indessen in einer einfachen Negation, die die Geschichte selbst einer zunehmend nihilistischen Verzweiflung preisgibt. Die nihilistische Dimension gewinnt im Verlauf des Dramas zunehmend an Bedeutung; sie bleibt jedoch bis zum Schluss auf den negativen historischen Diskurs bezogen. Das Nichts artikuliert noch immer das Bed&uuml;rfnis nach einer Verdr&auml;ngung der eigenen Geschichte (vgl. III,7). Die Hoffnung auf eine vollst&auml;ndige Vernichtung des Ich wird durch eine materialistische Interpretation des organischen Todes widerlegt.</p>
<p>Die Ruhe im Tod als dem &Uuml;bergang ins Nichts bleibt daher ein unerf&uuml;llbarer Wunsch: &quot;Da ist keine Hoffnung im Tod, er ist nur eine einfachere, das Leben eine verwickeltere, organisiertere F&auml;ulnis, das ist der ganze Unterschied!&quot; (61.) Auch die &quot;Phrasen f&uuml;r die Nachwelt&quot; (72) und die verbliebenen Masken der politischen Existenz geben den Todeskandidaten keinerlei Halt. Selbst die Religion als Versuch einer transzendenten Aufl&ouml;sung der irdischen Verzweiflung an der Geschichte versagt (72 f.). Die Fragen der Dantonisten nach dem Sinn ihres Opfers, nach dem Zusammenhang ihrer individuellen Existenz mit dem historischen Prozess der Revolution, bleiben ohne Antwort. &quot;Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu geb&auml;rende Weltgott&quot; (73). Der Nihilismus ist der konsequente Schlussstein der historischen Reflexion Dantons, der jede Sinngebung f&uuml;r die Geschichte und die gesellschaftliche Existenz der Menschen versagt bleibt. Die Vermittlung von subjektivem Anspruch und objektivem Sinn scheitert, sowohl im Hinblick auf die Revolution wie auf die Geschichte &uuml;berhaupt. Der historische Diskurs endet radikal negativ. Dem Tod, der eine letzte Konvergenz von historischem Prozess und individueller Existenz erzwingt, fehlt jeder einsehbare objektive Sinn. Die Geschichtsreflexion bleibt nicht nur auf der Ebene des avancierten Figurenbewusstseins (Danton) negativ; das St&uuml;ck selbst verweigert jede Form &auml;sthetischer Vers&ouml;hnung. Das Drama verharrt in der Negation des idealistischen Geschichtskonzepts, das die soziale Identit&auml;t des Bildungsb&uuml;rgertums im 19. Jahrhundert noch entschieden gepr&auml;gt hat. Geschichte erscheint in Dantons Tod als eine transzendentale, auf die Bedingungen politischen Handelns gerichtete Reflexionskategorie. Ein neues, etwa materialistisch fundiertes Geschichtskonzept kommt nicht in Sicht. Das Drama negiert das bildungsb&uuml;rgerliche Geschichtskonzept auch durch seine Form. Als Geschichtsdrama ist es negativ auf die zeitgen&ouml;ssisch vorherrschenden Muster der Gattung bezogen. Die gro&szlig;e Mehrzahl der historischen Dramen zwischen Restauration und M&auml;rzrevolution sucht unerm&uuml;dlich die Unvernunft der geschichtlichen Empirie zu &uuml;berlisten, indem sie &#8211; durchaus in der Absicht, die politische Gegenwart vern&uuml;nftig zu reformieren &#8211; im historischen Stoff den &quot;Gang der Weltvernunft zu ihrem Endziel&quot; proklamiert. Dantons Tod ist in erster Linie ein Drama der politischen Existenz. Im historischen Diskurs erg&auml;nzt B&uuml;chner die politische Ideologiekritik um eine Kritik der b&uuml;rgerlichidealistischen Geschichtsauffassung, die das politische Handeln der b&uuml;rgerlichen Revolution&auml;re im Horizont einer temporalisierten Vernunft und Fortschrittskonzeption zu rechtfertigen versucht. An dem Scheitern der Vermittlung von Geschichte und Subjektivit&auml;t wird unnachgiebig festgehalten. Vor allem widersteht B&uuml;chner der Versuchung, der beklagten Negativit&auml;t des historischen Denkens eine philosophische Krone aufzusetzen.</p>
<p>Die philosophische Reflexion in Dantons Tod m&uuml;ndet gerade nicht in ein System mit pessimistischer oder gar nihilistischer Tendenz. Seine fordernde Aktualit&auml;t beh&auml;lt B&uuml;chners Werk gerade wegen seiner konsequenten Verweigerung von Geltungsanspr&uuml;chen eines abstrakten philosophischen Allgemeinen, gegen das radikal die Rechte einer Subjektivit&auml;t jenseits der b&uuml;rgerlichen Konzeption des gro&szlig;en historischen Individuums ins Feld gef&uuml;hrt werden. Neben dem politischen Realismus hat wohl die f&uuml;r B&uuml;chner charakteristische uneingeschr&auml;nkte Verteidigung der Lebenswelt gegen&uuml;ber allen abstrakt formulierten Imperativen des politischsozialen und des kulturellen Systems am wenigsten ihre Bedeutung eingeb&uuml;&szlig;t. Im &uuml;brigen h&auml;lt das im Mikrokosmos von Dantons politischer Existenz entwickelte negative Geschichtsverst&auml;ndnis bereits Momente der modernen Erfahrung einer Aufl&ouml;sung von &quot;Geschichte&quot; fest; die Intentionalit&auml;t handelnder Subjekte ist f&uuml;r die moderne Geschichtsreflexion l&auml;ngst nicht mehr unproblematisch mit dem Funktionszusammenhang historischer Prozesse zu vermitteln.<br />
Liebe und Revolution &#8211; Zur Funktion des Privaten in Dantons Tod</p>
<p>Das nihilistische Extrem des historischen Diskurses markiert eine Art Nullstufe des gesellschaftlichen Bewusstseins, das erst jenseits der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re politischen Handelns einen Ansatz zu neuer Entfaltung findet. Eine sinnhafte Aneignung des Todes gelingt allein im Bereich der privaten Existenz, im Zusammenhang einer in die Lebensgeschichte des Individuums eingebundenen Liebesbeziehung. Dem restlosen Scheitern &ouml;ffentlicher Beziehungen wird in Dantons Tod auf provozierende Weise das Gelingen privater Bindungen in Liebe und Freundschaft gegen&uuml;bergestellt.</p>
<p>Die Funktion der Privatsph&auml;re im Drama der politischen Revolution hat besonders in j&uuml;ngster Zeit das Interesse der Forschung hervorgerufen.</p>
<p>Von den drei Frauenfiguren, deren Existenz am Rande der Geschichte die Sph&auml;re der privaten Beziehungen pr&auml;gt, hat besonders Marion &#8211; im Gegenzug zu fr&uuml;heren moralisch bestimmten Verzeichnungen &#8211; eine entschiedene Aufwertung erfahren. Die Grisette aus dem Palais royal erscheint Reinhold Grimm als eine &quot;Inkarnation sexueller Befreiung als das fleischgewordene Lustprinzip&quot;. Mit der in Marion gestalteten &quot;erotischen Revolution&quot; trete B&uuml;chner &#8211; Freud, Reich und Marcuse vorausgreifend &#8211; den Kampf gegen die Tabuisierung der Sexualit&auml;t an, proklamiere er eine &quot;Liebesutopie&quot;: ein Konzept befreiter, naturhafter Liebe mit dem Recht auf freie Partnerwahl. Trotz der Freude &uuml;ber den wahrlich befreienden Fund einer Sexualutopie, &uuml;ber die programmatische Ausrufung eines Reiches der Sinne in der ansonsten eher d&uuml;steren Kulisse der politischen Revolution dr&auml;ngt sich jedoch die Frage auf, ob die unverkennbar projizierende Aufwertung Marions zu einer Kultfigur der sinnlichen Emanzipation nicht wichtige Relativierungen &uuml;bersieht oder untersch&auml;tzt, denen diese im Drama unterworfen wird; ob so nicht einfach die negative Verzeichnung durch eine positive Umstilisierung der Figur in ihr Gegenteil verkehrt wird. Eine angemessene Deutung der Marion h&auml;tte insbesondere die Qualit&auml;t des &quot;Bruches&quot; genauer zu bestimmen, den Marion in ihrer Lebensgeschichte erfahren hat. Dieser Bruch ist keineswegs allein die Folge einer bestimmten, regressiven Form der Vergesellschaftung von Sinnlichkeit, sondern er ist bereits in der restlosen, das Moment der Freiheit entbehrenden Hingabe an die eigene Natur als Triebnatur und in der daraus zwingend folgenden Unf&auml;higkeit Marions zu einer genuin gesellschaftlichen Befriedigung der sich f&uuml;rs Ganze der Natur setzenden sexuellen Bed&uuml;rfnisse begr&uuml;ndet. Weit eher als die sexuelle Emanzipation wird in Marion die asoziale Natur, die gescheiterte Vermittlung von Natur und Gesellschaft, thematisiert. Die absolute Bindungslosigkeit, die in der Dirnenexistenz die einzig m&ouml;gliche soziale Lebensform findet, ist ein (zu) hoher Preis f&uuml;r eine zwanghafte &quot;Befreiung&quot; der Sinnlichkeit. Die Marionfigur geh&ouml;rt in den Zusammenhang des anthropologischen, im St&uuml;ck zumeist sexuellobsz&ouml;n vermittelten Diskurses, der, analog zum politischen Diskurs, die ungel&ouml;ste Aporie vergesellschafteter Natur problematisiert.</p>
<p>Marion fungiert keineswegs als ein utopisch intendiertes Gegenbild. Ihre vermeintlich unbedingte &Uuml;bereinstimmung mit sich selbst schuldet sie in Wahrheit einer unfreiwilligen Vereinseitigung der menschlichen Entfaltungsm&ouml;glichkeiten.</p>
<p>Als &quot;ein St&uuml;ck Natur&quot; verk&ouml;rpert Marion nicht nur &quot;den verlorenen Naturzustand [.. .] in der Geschichte&quot;, sondern in gleichem Ma&szlig;e die Geschichtslosigkeit einer Natur, die jede Form der Vergesellschaftung zwanghaft verweigert. Was Danton an Marion erf&auml;hrt, ist durchaus ambivalent. Marions Sch&ouml;nheit l&ouml;st in ihm, der unterwegs ist, &quot;die Mediceische Venus st&uuml;ckweise bei allen Grisetten des PalaisRoyal&quot; zusammenzusuchen (18), ein Bed&uuml;rfnis nach totaler Verschmelzung aus, dessen Befriedigung ihm gleichwohl vorenthalten bleibt.</p>
<p>Danton, der das Ganze der Sch&ouml;nheit sucht, findet in Wirklichkeit nur einen ihrer Teile, der sich f&uuml;r das Ganze setzt und ihm gerade dadurch schmerzhaft die Entbehrung des Ganzen vor Augen f&uuml;hrt. Die paradox gef&uuml;gte Metapher: &quot;deine Lippen haben Augen&quot; (20) bezeichnet nicht nur Dantons Unf&auml;higkeit zur v&ouml;lligen sinnlichen Hingabe, zeigt nicht nur die unvermeidlich reflexive Vermittlung des Erlebnisses sinnlicher Entgrenzung. Sie indiziert umgekehrt auch Marions Reduktion der menschlichen Natur auf ihre k&ouml;rperlich-sinnliche Dimension, die bei Danton gerade vermieden ist. Der Anspruch auf Totalit&auml;t wird von Danton auch in seiner reflexiven Brechung voll aufrechterhalten; seine fehlende praktische Einl&ouml;sung bleibt ihm jederzeit &#8211; mental und physischsinnlich &#8211; schmerzhaft bewu&szlig;t. Die Begegnung mit der zeitlosstatischen Marion-Figur hat auf Dantons letztem Weg den Charakter einer bedeutenden Episode. So wie der Protagonist auf der Ebene des politischen und des historischen Diskurses die gescheiterte Vermittlung von Subjektivit&auml;t und Geschichte erf&auml;hrt, so erf&auml;hrt er an Marion die falsche Unbedingtheit einer nur unzureichend mit der Gesellschaft vermittelten Natur. Natur und Geschichte erscheinen so gerade im Scheitern ihrer Vermittlung mit den gesellschaftlichen Bed&uuml;rfnissen des Menschen kritisch aufeinander bezogen. Marion ist die unbedingte Hingabe in der Liebe zu einem anderen Menschen notwendig versagt. Sie bleibt ohne wirklichen Bezug zur Lebensgeschichte Dantons, der f&uuml;r sie nur eine m&ouml;gliche Besetzung des &quot;einen Gegensatzes&quot; darstellt, der ihr Leben beherrscht: &quot;Alle M&auml;nner verschmolzen in einen Leib&quot; (19). Gerade hierin unterscheidet Marion sich von den beiden anderen Frauenfiguren in Dantons Tod, deren ganze Existenz auf das Leben des Geliebten ausgerichtet ist. Gleich zu Beginn des Dramas wird deutlich, dass Julie ihre Identit&auml;t ganz auf ihre Beziehung zu Danton gr&uuml;ndet. Die Privatheit ihrer Lebensform, jenseits der &ouml;ffentlichen Rollenspiele der Politik, aber auch jenseits der witzigen Sprachspiele der Pointen, und die kompromi&szlig;lose Beschr&auml;nkung auf die intime Beziehung zum geliebten Partner erm&ouml;glichen Julie und nicht minder Lucile eine Existenz im Schatten der Geschichte.</p>
<p>Danton zeigt sich zun&auml;chst &uuml;berfordert durch die einfache, unverstellte, vertraute Ansprache Julies. Er weicht aus, fl&uuml;chtet ins Allgemeine; statt des &quot;ich&quot; w&auml;hlt er das kollektive &quot;wir&quot; als Subjekt seiner begr&uuml;ndeten Zweifel an den Pr&auml;missen gelingender zwischenmenschlicher Kommunikation (5). Und doch gewinnt Julie auf seinem letzten Weg zunehmend an Bedeutung. Die R&uuml;ckkehr in den intimen Diskurs der privaten Existenz steht sichtlich in Zusammenhang mit dem Sinnverlust der &ouml;ffentlichen Existenz und der drohenden N&auml;he des eigenen Todes, der im Rahmen des politischen und historischen Diskurses der Revolution als ein sinnloses Opfer erscheint. In Julie findet Danton eine bedingungs- und grenzenlose Geborgenheit. Bereits in der Grabmetapher der ersten Szene, die Danton auf einem Schemel zu F&uuml;&szlig;en Julies zeigt, werden die Ruhe und die Geborgenheit, die Julies Liebe Danton verschafft, auf den Tod bezogen (5 f.). Die Tr&ouml;stung, die Julie dann sp&auml;ter dem von Schuldvorw&uuml;rfen gemarterten Danton zukommen l&auml;sst, kennt zwar durchaus eine politische Dimension (vgl. 38 ff.), die beruhigende Ansprache ist aber in einem auf die Lebenswelt der privaten Existenz bezogenen Realit&auml;tsgef&uuml;hl gegr&uuml;ndet (39). Das intime Einverst&auml;ndnis der beiden wird schlie&szlig;lich in der gelingenden Kommunikation &uuml;ber die gemeinsame Bew&auml;ltigung des Todes sichtbar. Unmittelbar im Anschluss an die entt&auml;uschte Hoffnung auf eine vollst&auml;ndige Vernichtung im Tod gedenkt Danton seiner Frau: &quot;O Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam lie&szlig;e! &#8211; Und wenn ich ganz zerfiele, mich ganz aufl&ouml;ste: ich w&auml;re eine Handvoll gemarterten Staubes, jedes meiner Atome k&ouml;nnte nur Ruhe finden bei ihr&quot; (62). Julie kennt Danton.</p>
<p>&quot;Er w&uuml;rde nicht allein gehn&quot;, l&auml;sst sie ihm ausrichten (65). Danton versteht: &quot;Ich werde nicht allein gehn: ich danke dir, Julie!&quot; Wohl h&auml;tte er anders sterben m&ouml;gen, &quot;so wie ein Stern f&auml;llt, wie ein Ton sich selbst aushaucht, sich mit den eignen Lippen totk&uuml;&szlig;t, wie ein Lichtstrahl in klaren Fluten sich begr&auml;bt.&quot; (67 f.) Doch wei&szlig; Danton jetzt um die M&uuml;hen des Todes, und er wei&szlig;, gemeinsam mit Julie, dem Sterben eine menschliche Form zu geben. Im Tod erst findet Danton zur&uuml;ck zu einer Identit&auml;t im Leben, die der eigenen Geschichte jenseits &ouml;ffentlicher Rollen einen unbezweifelbaren Sinn verleiht. Auch Luciles Existenz steht ganz im Zeichen ihrer Liebe zu Camille. St&auml;rker noch als Julie tritt sie der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re der Politik fremd und verst&auml;ndnislos entgegen. Das politische Geschehen reduziert sich f&uuml;r sie auf die Frage nach dem Sinn des Opfers, das ihr im Verlust des Geliebten zugemutet wird (36 f.). Lucile verweigert dem &ouml;ffentlichen Tod, der absurden politischen Realit&auml;t der Terreur jeden Sinn, sie sperrt sich gegen die vern&uuml;nftige Legitimation der Unvernunft. Ihr hellsichtiger Wahn, der in der Realit&auml;t ihres Gef&uuml;hls zu Camille gegr&uuml;ndet ist, wird derart zum menschlichen Ma&szlig; der Inhumanit&auml;t und der Unvernunft der b&uuml;rgerlichen Revolution: &quot;Der Himmel verhelf ihr [Lucile] zu einer behaglichen fixen Idee. Die allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind unertr&auml;glich langweilig&quot; (71).<br />
Einzig im Wahn Luciles bricht sich die Emp&ouml;rung &uuml;ber den absurden Ernst des Todes, &uuml;ber die &ouml;ffentliche Hinnahme sinnlosen Sterbens Bahn. Luciles Schrei bleibt indes ohne Antwort. Sie schickt sich ins Unvermeidliche und sucht, wie Julie, den gemeinsamen Tod mit dem Geliebten. Doch gelingt ihr, der Unpolitischen, mit der Inszenierung des eigenen Todes eine grandiose Provokation, die den politischen Wahnsinn der staatlich gelenkten Todesmaschinerie wirksam unter Beweis stellt (77). Eine politische Phrase, ein ritualisiertes Erkennungszeichen, das Lucile mechanisch, ohne jeden Bezug auf ihre individuelle Existenz, &ouml;ffentlich gebraucht, setzt berechenbar den grausamen Apparat der Massent&ouml;tung &quot;im Namen der Republik&quot; in Gang. Hier erreicht die Revolte des Subjekts gegen die vern&uuml;nftige Unvernunft des Allgemeinen ihren absurden H&ouml;hepunkt. Erst jetzt, in der provozierend privaten Inanspruchnahme des &ouml;ffentlichen Terrors, gelangt der politische Diskurs &uuml;ber die Gewalt in der b&uuml;rgerlichen Revolution zu seinem unmissverst&auml;ndlichen Ende. Mit dem politisch inszenierten Selbstmord setzt sich die private Existenz un&uuml;bersehbar in einen radikal kritischen Bezug zur politischen Revolution. Die Sph&auml;re der privaten Existenz fungiert keineswegs als ein unverbindlicher Fluchtraum im Drama der politischen Revolution. Sie ist kritisch auf den politischen Diskurs des St&uuml;cks bezogen. Die private Existenz gewinnt als bestimmte Negation der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re selbst eine politische Qualit&auml;t. Zudem zeigt die Privatsph&auml;re im Ansatz das Gelingen genuin gesellschaftlicher Beziehungen. Liebe und Freundschaft sind soziale Beziehungsformen, in denen die Aufhebung von Entfremdung und Isolation m&ouml;glich scheint. Diese Aufhebung wird im Drama als eine zweifach bedingte gezeigt: sie vermag allein im quasi au&szlig;erpolitischen Raum der privaten Existenz zu gelingen, und sie steht deutlich im Zeichen der Aneignung des Todes. Auch Julie und Lucile sind Opfer der Geschichte, doch transzendiert ihr Leiden den &ouml;ffentlichen Zwang der Politik.<br />
In ihrer freien Entscheidung zum gemeinsamen Tod mit dem Geliebten gewinnt der Tod mit den Momenten der Freiheit und des Einverst&auml;ndnisses eine menschliche Dimension zur&uuml;ck. Einzig auf privater Ebene kommt eine Vermittlung von subjektivem Anspruch und intersubjektivem Sinn zustande.</p>
<p>Die Liebe erscheint im Drama nicht als Idee, sondern als eine Praxis gesellschaftlichen Handelns; die in ihr begr&uuml;ndete Identit&auml;t ist eine soziale Identit&auml;t.</p>
<p>Die von Julie und Danton, von Camille und Lucile gelebte Liebe entwirft &#8211; in kleinster Gr&ouml;&szlig;e &#8211; das Modell einer alternativen gesellschaftlichen Existenz. Dieses Gegenbild entfaltet seine volle Bedeutung allerdings erst dann, wenn die Dialektik von privater und &ouml;ffentlicher Sph&auml;re nicht einseitig aufgel&ouml;st wird. Als praktische Kritik bleibt der gesellschaftliche Entwurf jederzeit auf.</p>
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		<title>Dantons Tod Inhaltsangabe Zusammenfassung</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Jun 2007 03:05:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kevin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<div id="fb-like" style=""></div><h1>Inhaltsangabe/Zusammenfassung Dantons Tod<br />
<strong><br />
</strong></h1>
<p><strong>Der Beginn des ersten Akts</strong> zeigt Danton mit seiner Frau Julie in einem Spielsalon. Am Spieltisch beklagen einige Deputierte des Nationalkongresses den Revolutionsterror und beschw&#246;ren ihr Ideal einer freien Republik. Danton&#8230;</p>]]></description>
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<strong><br />
</strong></h1>
<p><strong>Der Beginn des ersten Akts</strong> zeigt Danton mit seiner Frau Julie in einem Spielsalon. Am Spieltisch beklagen einige Deputierte des Nationalkongresses den Revolutionsterror und beschw&ouml;ren ihr Ideal einer freien Republik. Danton &auml;u&szlig;ert seine politische Resignation: &quot;die Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen gl&uuml;ht, wir alle k&ouml;nnen uns noch die Finger dabei verbrennen.&quot;<br />
In der zweiten Szene wird das Elend des Volkes illustriert: Simon schl&auml;gt seine Frau, weil sie zul&auml;sst, dass ihre Tochter die Familie durch Prostitution ern&auml;hrt. B&uuml;rger beobachten die Szene und lenken den Volkszorn auf die Aristokraten: &quot;Totgeschlagen, wer kein Loch im Rock hat! &#8230; Totgeschlagen, wer lesen und schreiben kann!&quot; Robespierre tritt auf und pr&auml;sentiert die Jakobiner als Anwalt des Volkes. Ihre &quot;Solidarit&auml;t&quot; besteht in der Ermordung der Volksfeinde.<br />
Die folgende Szene spielt im Jakobinerklub und hat ihren H&ouml;hepunkt in Robespierres Pl&auml;doyer f&uuml;r die Fortsetzung der Gewalt: &quot;Die Waffe der Republik ist der Schrecken&quot;. Eine Zwischenszene zeigt das Klima des Terrors und der Angst im Gespr&auml;ch der Nationalkonventsdeputierten Legendre und Lacroix.<br />
Im Kontrast dazu erscheint in der f&uuml;nften Szene Danton fern vom politischen Geschehen, in Leidenschaft versetzt durch die Prostituierte Marion. Sein Freund und Anh&auml;nger Lacroix kommt und warnt ihn vor dem Wiederaufleben des Terrors. Danton f&uuml;hlt sich unangreifbar, beschlie&szlig;t aber dennoch, das Gespr&auml;ch mit Robespierre zu suchen.<br />
Der erste Akt findet seinen H&ouml;hepunkt und Abschluss in der Auseinandersetzung zwischen Robespierre und Danton: Danton spricht sich gegen die Fortsetzung des Terrors aus und wirft Robespierre eine scheinheilige Moralit&auml;t vor, deren Zweck die Ausschaltung seiner Gegner ist: &quot;Robespierre, du bist emp&ouml;rend rechtschaffen.&quot; Nach Dantons Abgang beschlie&szlig;t Robespierre, ihn und seine Anh&auml;nger zu beseitigen; seine Rolle sieht er als die eines Erl&ouml;sers unter umgekehrten Vorzeichen: &quot;Jawohl, Blutmessias, der opfert und nicht geopfert wird.&quot;</p>
<p><strong>Zu Beginn des zweiten Akts</strong> erscheinen Dantons Anh&auml;nger, um ihn vergeblich zur Flucht zu dr&auml;ngen.<br />
In der zweiten Szene wird eine Alltagssituation als Stra&szlig;enpanorama entworfen: kurioser Revolutionsenthusiasmus, M&auml;nner, die um Frauen werben (unter ihnen als lustvoller Beobachter Danton), und naiver Fortschrittsoptimismus stehen nebeneinander.<br />
In der folgenden Szene er&ouml;ffnet Danton dem Ehepaar Lucile und Camille, dass seine Verhaftung beschlossen wurde. Dennoch trifft er keine Anstalten zur Flucht: &quot;Ich bin nicht tr&auml;g, aber m&uuml;de.&quot;<br />
Die vierte Szene auf freiem Feld ist ein Reflexionsmonolog, der Dantons spielerische Todessehnsucht zum Ausdruck bringt: &quot;Ich kokettiere mit dem Tod.&quot;<br />
Die folgende Szene zeigt Danton mit Julie. Danton ist von einem Alptraum erwacht; verzweifelt sieht er die Menschen als Spielb&auml;lle ihrer inneren Gewaltt&auml;tigkeit.<br />
In der n&auml;chsten Szene erscheinen B&uuml;rgersoldaten zur Verhaftung Dantons.<br />
Der zweite Akt endet mit einer Szenen im Nationalkonvent, wo Robespierre und St. Just diese Verhaftung rechtfertigen und Legendres Antrag auf Anh&ouml;rung Dantons abzuschmettern versuchen. Die Szene endet im Absingen der Marseillaise.</p>
<p><strong>Der dritte Akt</strong> behandelt den Prozess gegen Danton. Er beginnt im Palais Luxembourg, das als Gef&auml;ngnis umfunktioniert ist. Dort sitzen die Revolution&auml;re Chaumette, Payne, Mercier und H&eacute;rault S&eacute;chelles und diskutieren atheistische und materialistische Philosophien. Danton und seine Anh&auml;nger werden eingeliefert. Camille &auml;u&szlig;ert seine Entt&auml;uschung &uuml;ber ihr politisches Scheitern.<br />
Die folgende Szene zeigt, wie der &ouml;ffentliche Ankl&auml;ger Fouquier Tinville und Herman, ein Pr&auml;sident des Revolutionstribunals, die Geschworenenauswahl f&uuml;r Dantons Prozess manipulieren.<br />
In der dritten Szene, in der Conciergerie, beklagt sich Danton &uuml;ber das von ihm geschaffene Revolutionstribunal: gegr&uuml;ndet, um Unschuldige zu retten, ist es nun ein Instrument des Justizmords.<br />
Vor diesem Revolutionstribunal spielt die n&auml;chste Szene: Danton wird der revolutionsfeindlichen Konspiration beschuldigt. Er fordert ein Verh&ouml;r vor den Aussch&uuml;ssen und rechtfertigt seine Verteidigung wirkungsvoll als &quot;Nationalk&uuml;hnheit&quot;. Die Versammlung beklatscht seinen Patriotismus, so dass der Vorsitzende die Sitzung nur mit fadenscheinigen Gr&uuml;nden aufheben kann. Die &quot;Verschw&ouml;rung&quot; eines inhaftierten betrunkenen Generals zur Befreiung Dantons in der f&uuml;nften Szene wird in der anschlie&szlig;enden Szene von St. Just als brauchbares Mittel gegen Danton bewertet.<br />
Die siebte Szene, wieder in der Conciergerie, zeigt Danton erneut in Lethargie: er sucht Ruhe, aber nicht in Gott, wie Philippeau vermutet, sondern im &quot;Nichts&quot;.<br />
Die n&auml;chste Kurzszene bringt die &Uuml;bermittlung der Denunziation.<br />
In der neunten Szene gelingt es Danton vorl&auml;ufig, die Sitzung vor dem Revolutionstribunal f&uuml;r sich zu nutzen: &quot;ich werde mit der Kanone der Wahrheit hervorbrechen und meine Feinde zermalmen.&quot; Die Stimmung in der Versammlung scheint g&uuml;nstig: &quot;Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn!&quot;<br />
Doch in der letzten Szene des dritten Akts, vor dem Justizpalast, gen&uuml;gt das &quot;Argument&quot; eines B&uuml;rgers, Danton sei ein wohlhabender Fresser, S&auml;ufer und Lustmolch, um den Volkshaufen f&uuml;r Robespierre zu gewinnen.</p>
<p><strong>Der vierte Akt </strong>er&ouml;ffnet mit Julie, die Danton &uuml;ber einen Knaben eine Locke von sich schickt.<br />
In der zweiten Szene rechtfertigt Dumas, wie Herman ein Pr&auml;sident des Revolutionstribunals, gegen&uuml;ber einem B&uuml;rger das bevorstehende Todesurteil als Opfer f&uuml;r das Vaterland.<br />
Die Opfer werden in der folgenden Szene, in der Conciergerie, gezeigt. Vor der Hinrichtung greift Camille zu einer Erbauungsschrift als Trostmittel, Danton dagegen zu Voltaires Spottwerk &uuml;ber die heilige Jungfrau von Orl&eacute;ans.<br />
In der n&auml;chsten Szene, auf dem Platz vor der Conciergerie, erscheint Camilles Frau Lucile, vor Entsetzen in geistige Verwirrung versetzt, vor dem Fenster der Gefangenen.<br />
In der Conciergerie, in der f&uuml;nften Szene, nehmen die Dantonisten Abschied voneinander.<br />
In der sechsten Szene begeht Julie Selbstmord.<br />
Der Rest des Dramas geh&ouml;rt der Hinrichtung: in der siebten Szene werden die Gefangenen auf den Revolutionsplatz gef&uuml;hrt. F&uuml;r das Volk ist die Hinrichtung eine Ablenkung von existentiellen Sorgen; eine Frau sagt: &quot;Die Kinder schreien, sie haben Hunger. Ich muss sie zusehen machen, dass sie still sind.&quot; Die letzten beiden Szenen zeigen Lucile, die durch die Stra&szlig;en irrt und von der vollzogenen Hinrichtung h&ouml;rt. Zugleich muss sie sehen, wie der Alltag &uuml;ber diese Katastrophe hinweggeht. Am Revolutionsplatz schlie&szlig;lich verurteilt sie sich selbst zum Tod, indem sie den K&ouml;nig hochleben l&auml;sst: Am Ende wird sie abgef&uuml;hrt ein B&uuml;rger ruft: &quot;Im Namen der Republik!&quot;</p>
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